Er sollte gut aussehen, nur aus Holz aber trotzdem stabil sein – und so leicht wie möglich, zwischen 1,2 und 1,4 kg bei etwa 3,2 m Spannweite. Etwas für fortgeschrittene Holzwürmer also. Schon der Bau sollte jede Menge Freude machen. So meine Vorgaben an das neue Modell. Es sollte aber auch eigenstabil in der Luft liegen, brav und unmittelbar jedem Steuerbefehl folgen. Dazu eng und ohne Abkipptendenzen in der Thermik mit wenig Höhenverlust kreisen können. Es sollte jede leichte Ablösung annehmen und in Höhe umsetzen können. Außerdem sollte es – falls nötig – schnell zum nächsten Bart gelangen und, wenn es zu heftig nach oben geht, durch Aufklappen des Höhenleitwerkes auch zügig und gefahrlos wieder Höhe abbauen können. Und falls es mal windiger ist, möchte ich auch mindestens 500 g Ballast im Schwerpunkt einladen können.

Meine Konstruktion des "Maxi Open Air" war vorläufig das letzte Projekt, bei dem ich – im Rückgriff auf etwas Vorhandenes – versucht habe etwas Neues beizusteuern. Gut, es gibt selten etwas Neues ohne das Alte. Aber es gibt die eine oder andere Idee, die jeweils getrennt voneinander, ein mehr oder weniger entwickeltes Dasein fristet. Mal provisorisch, mal an ganz anderer Stelle schon verwirklicht, aber noch nicht zu Ende gedacht.

Die eigene Idee, angespornt vom eben erwähnten "Maxi Open Air", war folgende: Entwicklung eines Leichtwindseglers mit etwa 3,2 m Spannweite, ganz aus Holz, mit einer weiter entwickelten konfektionierten VIC-Seitensteuerung aus CFK sowie einem offen mittig angesteuerten Pendel-Höhenleitwerk, mit dem man zur Not, wie bei den alten Freifliegern der A2-Klassen, durch 45°-Hochklappen sorglos aus heftiger Thermik wie mit einem Fallschirm absteigen kann. Ein harmonisch geformter Rumpf, der durch seinen hochovalen Querschnitt mit zum guten Kurvenverhalten beiträgt und eine gute Zugänglichkeit zu allen RC-Komponenten und zur Ballastkammer bietet. Außerdem sollte eine neu konstruierte Flächengeometrie den Prinzipien des Leichtwindseglers zur gleichmäßigen Auftriebsverteilung gerecht werden und es dennoch ermöglichen, das Modell durch entsprechende Profilwahl auch mal pfeifen zu lassen – ohne gleich an die Festigkeitsgrenzen zu kommen. Also zunächst mal ohne Querruder. Wenn schon Klappen, dann nur zum Verwölben oder als Landehilfe. Darüber hinaus sollten die Tragflächen trotz aerodynamischer Nachteile nicht auf dem Rumpf, sondern in mittlerer Höhe angebracht sein. Zusätzlich wollte ich das Modell als Holzbausatz anbieten, mit CNC-Frästeilen, Zubehör und einer CD, auf der ausführlich und übersichtlich, zum Teil auch selbsterklärend mit vielen Bildern, der Aufbau gezeigt wird.

Das war also das Lastenheft für den ersten eigenen Segler, der in Produktion gehen sollte. Das HQ-Winglet-Profil hatte es mir angetan. Das Modell "Relaxer", veröffentlicht in AUFWIND, mit den aufgesteckten Winglets gefiel mir sehr gut. Die Koordinaten des Profils waren ebenfalls aufgeführt, sodass ich direkt eine brauchbare Fräsdatei erstellen konnte. Winglets wären auf der angestrebten Tragfläche fehl am Platz. Ich wollte vielmehr, inspiriert von dem FMT-Fachbuch "RC-Leichtwindsegler" (Dr. Heinz Eder), eine neue Tipletfläche entwerfen. Sie sollte den zur Reduzierung des induzierten Widerstands notwendigen Randabschluss bilden – mit etwa vier Grad Schränkung, einer nicht zu spitz zulaufenden Tipletspitze und einem nach dem Safe-Konzept entworfenem, etwas verbreiterten und verdünntem Außenprofil. Gleichzeitig sollte durch einen besonderen Grundriss der beiden Hauptflächensegmente erreicht werden, dass das Modell mit diesem Profil auch mit höheren Geschwindigkeiten marschieren kann. Die Profildicke wurde kontinuierlich von der Wurzelrippe ausgehend bis auf etwa sieben Prozent an der Endrippe im Tiplet verjüngt, ohne sie außen stärker zu verwölben. Das Tiplet sollte etwa 1/4 so lang wie der Außenflügel sein.

Da ich ohnehin eine Mehrfach-V-Form der Tragfläche wegen des gleichmäßigen Auftriebs anstrebte, entwarf ich die Teile dafür so, dass das Höhenleitwerk bei 45° Anstellung das Modell sanft absteigen ließ. Die hohe Leit-werkslagerung brachte das Höhenleitwerk außerdem aus der Wirbelschleppe der tiefer angebrachten Tragflächen.

Der Verzicht auf eine Rohrholm-Bauweise der Tragfläche bedeutete ein völlig neues Durchdenken und Ausprobieren der Tragflächen_konstruktion. Die alten "Holz-Rezepte" greifen nicht mehr. Denn wer die annähernd gleiche Biege- und Torsionssteifigkeit bei Holz haben will, muss in die Trickkiste. Warum sind die aufwändigen Holmkonstruktionen zum großen Teil überflüssig? Na klar, weil die meisten Holzbauer übersehen haben, dass der Torsionskasten wie bei den CFK-Boxen, auch beim Holzbau zu einem Holm umgebaut werden kann. Schwachstelle der alten Konstruktion war der parallele Maserungsverlauf der Beplankung entlang der Fläche. Also kurzer Faserverlauf! Aber wie? Diagonal! Und zwar gleich über kreuz, oben und unten, im 45°-Winkel. Gedacht, getan! Klassisch, mit Verkastungsbrettchen aus Sperrholz, Balsa und mehreren Beplankungsstärken und Balsasorten.

Doch was auch immer ich ausprobiert habe, die Tragflächen waren durch den starken Zug der diagonalen Maserung kaum gerade zu bauen. Ich musste beim Beplanken ständig irgendwo gegenspannen, um eine einigermaßen gerade Fläche zu bekommen. Die war dann zwar extrem hart und kaum noch zu verdrehen, aber eben nicht zu gebrauchen. Ich bin sicher, dass manch einsamer Holzwurm auch schon bis zu diesem Punkt vorgedrungen ist, aber dann frustriert aufgegeben hat. Doch der Grundgedanke ließ mich nicht mehr los. Und nach etlichen weiteren Versuchen ist die diagonale Beplankung der D-Box inzwischen völlig ausgereift, einfach und ohne jeden Verzug zu Bauen. Das Resultat spottet der eingesetzten Materialstärken. Wer die Ausgangsmaterialien in der Hand hält, wird nie und nimmer glauben, dass das Resultat derart fest wird. Eine bespannte Tragflächenhälfte wiegt nur 240 g!

Auch für den Rumpf habe ich mehrere Versionen erprobt, wobei ich vor allem auf eine günstige Massenverteilung geachtet habe. Die VIC-Anlenkung des Seitenruders ist zwar schon leicht, aber im Vergleich zur festverleimten Balsadämpfung mit angeschlagenem Ruder doch ein wenig schwerer. Auch die aufwändig konstruierte Sperrholz-Achsschenkel-Konstruktion des Pendel-Höhenleitwerks bringt etwas mehr Gewicht auf die Waage als eine ebene Platte zur Befestigung eines normalen Höhenleitwerks. Also musste an vielen Stellen abgespeckt werden. Mit der Erstausführung des Rumpfes hätte man keulenschwingend auch unsympathische Rindviecher von der Almwiese vertreiben können, so stabil und doch schon so leicht war er gebaut. Und so gingen die Bauvorhaben ihren Weg, immer weiter und zielstrebender.

Und dann kam dieser wunderschöne Herbsttag mit Föhneinbruch. Ich wusste genau, eine zweite Chance das neue Modell auf Herz und Nieren zu prüfen, würde es in dem Jahr nicht mehr geben. Akkus voll? Die vor Aufregung feuchten Finger konnten beim Austesten des Hanges mit dem "Maxi Open Air" etwas abtrocknen und der Puls konnte sich beruhigen. Oben auf dem Hausberg war alles optimal. Der Föhn pfiff von Süden – gerade richtig.


Die Rumpfspitze ist wunderschön in Holz modelliert


Bis an diese Stelle des Rohbaus waren noch viele Änderungen erforderlich, die ständig in die Konstruktion einflossen


Auch die Ballastkammer wird ganz in Holz aufgebaut


Die Winglets vor dem Verkleben


Die Rumpfnase besteht aus mehreren Lagen und hat eine integrierte Trimmkammer

Dann hatte ich eine kurze mutige Phase und warf kurz entschlossen den neuen "Sombrero" gegen den Wind. Plötzlich war alles vergessen und die ganze Anspannung fiel nach wenigen Sekunden von mir ab. Das Modell flog ruhig und gleichmäßig – absolut entspannend. Ich trimmte ein paar Zacken nach unten und zog an der Hangkante entlang. Dann quer zum Föhnaufwind in Richtung Osten. Das neue Modell flog sich saugut! Dann merkte ich, dass ich doch noch ein wenig verkrampft war und ließ endlich die Knüppel los. Der "Sombrero" flog total eigenstabil weiter. Auf den Seitenruderausschlag mit dem VIC-System reagierte der "Sombrero" sofort, klebte förmlich in der Kurve, ohne Höhe zu verlieren und ohne, dass der Kurvenradius enger oder weiter wurde. Wechselte ich die Kurvenrichtung, nahm das Modell sofort die neue Schräglage an.

Ich war glücklich! Langsam wurde ich frecher, stieg innerhalb kurzer Zeit auf Höhe und jagte den "Sombrero" über den Hang. Das Modell fing an himmlisch zu pfeifen. Es rauschte nicht so dumpf wie der "Maxi Open Air". Es war mehr ein helles, zugiges Liedchen. Das Winglet-Profil ließ den "Sombrero" schnell fliegen, konnte aber auch ohne Klappenverwölbung, nur mit der Höhenleitwerkstrimmung, schön langsam gemacht werden. Und dabei hatte ich noch eine ungünstige Massenverteilung: 100 g hinten zu viel, bedeuteten vorne 400 g dazu. Also 500 g, die ich lieber in den Schwerpunkt gepackt hätte, waren am falschen Platz, aber trotzdem ist der "Sombrero" leicht und wendig geflogen.

Bis zum Jungfernflug war ich äußerst skeptisch, wie der "Sombrero" auf das Durchziehen des Höhenleitwerkes reagieren würde. Also bin ich erstmal hoch rauf, dann hab ich zu schnell gezogen – ein Männchen war die Antwort. Als ich ganz langsam das Höhenleitwerk bis zum Anschlag aufklappte, ging der "Sombrero" sanft und ohne Abkipp- oder Abrissversuche, in einen fallschirmartigen Sackflug über. Das hat mich dann doch überrascht, denn bei 3,2 m Spannweite und fast 2 kg Fluggewicht war das nicht selbstverständlich.

Zur Betätigung des Aufklappens habe ich übrigens ein kleines Metallgetriebe-Servo von Simprop verwendet, das "SES 640 2BB MG". Das bewältigt die 45°-Aufgabe bravourös, hat allerdings im Getriebe ein geringes, an der Endfahne des Höhenleitwerks dann doch merkbares Spiel von 1-1,5 mm. Bei Flügen nach Flitschenstarts im Flachland, bei ruhigem Wetter, war das Spiel lästig, ich konnte mich auf eine vordefinierte Einstellwinkeldifferenz nicht ganz verlassen. Wünschenswert wäre ein kleines 180°-Servo, zum Beispiel das "us 600" von Becker. Das hat so gut wie kein Spiel, ist aber auch fast dreimal so teuer und etwas dicker. Das kommt in den nächsten Rumpf. Vor dem Experimentieren heißt es jedoch, den Servoweg auf höchstens 100 Prozent einstellen. Sonst dreht das teure Servo auf 360 Grad durch und ist nicht mehr zu gebrauchen. Wichtig dabei ist auch, die negative Expofunktion voll einzusetzen. Sonst klappt das Höhenleitwerk bei normalem Knüppelausschlag voll durch. Legt man die Klapp funktion auf einen externen Kippschalter, kann nicht mehr dosiert werden. Lange Steuerknüppel sind für fein dosiertes Anlenken hilfreich. Noch sicherer ist es, am Sender mit einer "VMIX"-Funktion und einem Linearschieber das Hochklappen vom Knüppel zu trennen.

Auch bei dem VIC-Seitenruder braucht es durch die mitgeführte Dämpfungsflosse ebenfalls keine großen Ausschläge. 30 mm pro Seite, gemessen an der Endleiste der Ruderflosse, reichen für ruhige Bedingungen locker aus. Dabei wandert die Dämpfung je nach eingestellter Hebelarmlänge, etwa 8 bis 10 mm mit. Das wird noch ein heißer Testsommer...

In diesem Sinne Holm- und Rippenbruch an alle, die noch bereit und fähig sind, selbst etwas zu bauen und die Freude zu genießen. Wer Interesse am "Sombrero" hat, kann sich bei mir melden. Die Adresse gibt es von der Redaktion.

Michael Runge


Der Aufbau des Rumpfes wurde in mehreren Arbeitsgängen immer weiter optimiert



Das Seitenleitwerk hat eine VIC-Anlenkung. Auch die Sperrholz-Achsschenkel-Konstruktion des Pendel-Höhenleitwerks ist aufwändig konstruiert

Spannweite: 3.200 mm
Gesamtflächeninhalt: ca. 66 qdm
Flächenprofil: HQ-Winglet
Leitwerksprofil: HQ-07
Flächenbelastung: 22-33 g/qdm
Rumpflänge: 126 cm
RC-Funktionen: VIC-Seite
Pendel-HL
Fluggewicht: ca. 1.500 g (Segler)
ca. 1.850 g (E-Motor)
Ballastzuladung : 500 g


Die Gewichtsverteilung auf einen Blick.


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