REPORTAGE manntragend

Gleitende Oldies

Die 36. Vintage Glider Club Rallye in Wels



„Olympia Meise, 85 km/h“, ein kurzer Ruck. „Seil straff“, eine knappe Bestätigung und die „Olympia Meise“ geht mit einem Rumpeln auf die Reise. Es ist 18.20 Uhr an einem glühend heißen Tag bei der Vintage Gliders Club (VGC; www.vintagegliderclub.org) Rallye in Wels. Das war die letzte Maschine, eine der Winden ist bereits abgebaut und ich blicke vorsichtig zum Startstellenleiter. Den ganzen Tag über herrschte bei besten Bedingungen an den vier Startstellen reger Flugbetrieb. Hier an der Windenstartstelle wurde mit vier Seilen an zwei Startlinien ein Oldtimer nach dem anderen gestartet. Etwa 200 Meter entfernt noch einmal zwei Startstellen für den F-Schlepp: eine „Piper“, eine „Morane Rallye“, ein „Rotax C-Falke“ und eine „Diamond Aquila“ haben unzählige Schlepps absolviert.

     Mein zweiter Blick gilt der vor der Meise gestarteten „Slingsby T21 Sedbergh“. Mit der sollte ich mitfliegen wenn doch noch ein Start möglich wird. Besitzer Edward kommt und klopft mir auf die Schulter. Die versprochene Runde Bier nach einem anstrengenden heißen Flugtag zieht, die „T21“ landet herein und wird sofort vom Rückholdienst an die Startstelle gezogen. Mein Rucksack fliegt ins Gras und ich schnalle mir den Fallschirm um – ich bin dabei und darf Cabriofeeling pur in einem über 60 Jahre alten Schulungsdoppelsitzer genießen. Ein wahrer Schrank, der hier durch die Luft bewegt wird. Pilot und Passagier sitzen nebeneinander im Freien in einem spärlich instrumentierten Cockpit. Das Seil wird eingehängt und schon zieht die Winde an. Es geht ruhig nach oben und nach dem Ausklinken fliegt die „T21“ mit gerade mal 50 km/h ihre Platzrunde. Viel ist nicht zu tun – den Blick auf die Instrumente kann man sich sparen. Einzige „Einweisung“ von Edward: „Wenn du den Wind im Gesicht spürst, bist du zu schnell.“ So geht es nach zwei drei Runden in den Anflug und nach einem kurzen Slip rollt der breite Oldtimer aus. Einziges Problem jetzt: wie bekomme ich das Grinsen aus meinem Gesicht bis wir an der Bar sind – damit bekomme ich nämlich garantiert kein Bier.

     Ich hab das ersehnte kühle Bier natürlich bekommen und so sitzen wir mit einigen anderen vor dem Verpflegungszelt und genießen den ausklingenden Tag mit Klatsch und Tratsch aus der Oldtimerszene. Und draußen am Flugfeld gibt es noch „VGC-Fernsehen“: Zuerst fliegt der heimkommende „DFS Habicht“ ein Kunstflugprogramm. Kurz darauf tuckert eine „Bücker Jungmeister“ vom Gastgeberverein auf die Piste und zelebriert traumhaften Kunst-flug in Ameisenkniehöhe und den Abschluss bildet wie immer der „Hol´s der Teufel“, der die ruhige Abendluft nutzt, einen Start nach dem anderen hinlegt und bis zur Dämmerung seine Runden fliegt.

      Elf Tage, vom 30. Juli bis 10. August, dauerte die Veranstaltung, die vom Fliegerclub „Weiße Möwe Wels“ und vom Oldtimer Segelflug Wasserkuppe organisiert wurde. Über 100 Oldtimersegelflugzeuge mit Piloten aus vielen Ländern waren am Start und haben das Fluggelände in einen Luftzirkus verwandelt. Der Flugbetrieb war perfekt organisiert und bot an vielen Flugtagen mit guten Bedingungen die Möglichkeit zu zeigen, was in den alten Segel-flugzeugen steckt.

     Ich war in der Vorwoche bereits da und habe den ganzen Tag über den Flugbetrieb beobachten können, fotografiert und viele nette Leute kennen ge-lernt. Segelflug ist alleine unmöglich. Vom Aufbau über den Start bis zur Rückholung braucht man Leute die anpacken. Und daraus entsteht wohl der Geist dieser Treffen. Wo man auch hinkommt und wen man auch fragt, man bekommt freundliche Antworten: „Die Holmbrücke wollen sie sehen? Einen Moment...“, und schon wird die Abdeckung abmontiert und ich kann meine Bilder machen. Wenn einer den Rumpf aus dem Trailer zieht sind sofort Leute da die beim Aufbau helfen – auch Besucher sind als Helfer willkommen. Während am Flugfeld der Betrieb auf Hochtouren läuft, habe ich Gelegenheit mit Chris Wills, dem Gründer und Präsidenten des Vintage Glider Clubs, zu sprechen. Beeindruckend der Humor dieses betagten Mannes, der keine Starallüren kennt, dafür aber umso mehr Geschichten aus seiner langen Fliegerkarriere. Gerade startet eine „Hütter H17“ an der Winde. Für mich ist das kleine, etwas „rundliche“ Flugzeug ein richtiger „Micky-Maus-Flieger“. Der wird tatsächlich nicht zum Start gerollt oder geschoben, sondern von zwei Mann getragen. Chris erzählt von einem Flug in Lasham in England, wo er nach dem Windenstart ohne kreisen einfach nach oben weggestiegen ist. Und wie zur Bestätigung fliegt die kleine Maschine nach dem Ausklinken kurz nach rechts, beginnt wie ein Luftballon in der Thermik zu steigen und verschwindet nach wenigen Minuten aus dem Blickfeld. Mit Freude schaut sich Chris meine mitgebrachten Bilder der „Mg-19“ (vgl. AUFWIND 2/2008) an und hat natürlich auch dazu viele Erlebnisse parat – aber nicht nur das. Ich habe ihn gefragt ob er zufällig weiß, ob die Maschine, die nach Japan verkauft wurde, noch existiert. Kurze Zeit später war ein herbeigerufener Kollege am Tisch. Und der wusste nicht nur, dass die Maschine noch im flugfähigen Zustand ist, sondern auch die Adresse des Besitzers. So wurden auf diesem Treffen auch viele Dokumentationen, Bilder und Pläne getauscht – eine Fundgrube für jeden Interessierten.

      Es ist bei über hundert Teilnehmern natürlich nicht möglich auch nur annähernd alle Segelflugzeuge hier zu erwähnen. Wahre Schmuckstücke waren zu bestaunen und die Namen lesen sich wie ein „Who-is-Who“ aus der Geschichte des Segelfluges: Der perfekt gebaute „Hol´s der Teufel“ von Lippisch, „DFS Olympia Meise“, „DFS Habicht“, „Kranich II“ und „Kranich III“, „Slingsby T21“ und „Slingsby T31“, „Hütter 17a“, „Kirby Cadet“ , die moderneren „Ka-6“, „L-Spatz“, „Rhönlerche“, „Ka-2“ und „Ka-7“, „Moswey“, „Spyr 5“ und aus dem ehemaligen Ostblock Typen wie „Jaskolka“, „Lunak“ oder „Lehrmeister“. Leistungssegler wie „Standard Austria“, „SHK“, „Foka“ oder „Cobra“ flogen neben Exoten wie der „Fauvel“ oder der wunderschönen „Cimbora“ aus Ungarn. Und das Schönste am letzten Donnerstag des Tref-fens: die Thermikbärte standen nahe am Platz und man konnte den Maschinen beim Kreisen zusehen. Beat Galliker aus der Schweiz, der auch gerne bei uns Modellfliegern vorbeischaut, erzählte, dass bei seinem „Kranich“-Flug weit mehr als zehn Maschinen im selben Bart gekurbelt sind. Unfälle sind zum Glück ausgeblieben, nicht jedoch der eine oder andere Schaden, der am Boden oder in einem Fall durch einen Autounfall auf der Anreise verursacht wurde, bei dem ein „Bergfalke“ zerstört wurde.

    


Ganz im Zeichen der Segelflug-Oldtimer stand der Fliegerclub
„Weiße Möwe Wels“ vom 30. Juli
bis 10. August.

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Auch ein „Grunau Baby“ muss nicht immer holzfarben oder weiß sein.


Ostblock-Typen wie
dieser „Lehrmeister“ nahmen
in großer Zahl teil.



Der „Hol´s der Teufel“ nutzte die ruhige Abendluft flog bis zur Dämmerung seine Runden.

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In der „Slingsby T21 Sedbergh“ sitzt man nebeneinander und natürlich offen.

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Die „Hütter H17“ wird nicht zum Start gerollt oder geschoben, sondern von zwei Mann getragen.


Die zeitlos elegante „Libelle“ beim Windenstart.

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Tiefe Einblicke ließen die meisten Eigner zu, wenn man sie beim Auf- oder Abrüsten besuchte.

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Der „Kranich“ aus der Schweiz führte zahlreiche Passagierflüge durch – auf Wunsch auch mit geöffneter Haube.

Eine sehr interessante Sache ist der Umstand, dass wir Modellflieger durch die unterschiedlichen Nachbaumaßstäbe kaum die Relationen der einzelnen Typen untereinander kennen. So erscheint eine „Hütter 17“ oder eine „Moswey“ vergleichsweise klein gegen die „Kraniche“ oder die „DFS Olympia Meise“. Auch lohnt sich immer ein Blick auf die diversen Beschläge oder die Holmbrücken, die wir Modellbauer deutlich stärker auslegen als die Konstrukteure der Originalmaschinen. So bin ich also als bekennender Oldtimerfan zufrieden und glücklich und auch voll mit Anregungen, Ideen und Adressen nach Hause gefahren. Und wir Modellflieger haben einen großen Vorteil gegenüber unseren Kollegen von den Manntragenden: Wir müssen uns nicht mit einer oder zwei Typen be-gnügen, wir können sie alle planen, bauen und fliegen. Photopacks zur Veranstaltung gibt es auf www.retroplane.de.

Walter Wachtler

 



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