Hört man das Wort „Nurflügel“, so denkt man heute zumeist an kleine, einfache Styropor- oder EPP-Modelle. Mit etwas Klebeband zusammengehalten, kommt man mit ihnen schnell zu einem ordentlich fliegenden Typ. Man kann ein solches Modell aber auch, insbesondere einen Nurflügel, selbst konstruieren und bauen – und das in der „altmodischen“ Holzbauweise! Diese Möglichkeit, so musste ich feststellen, trifft bei vielen Modellfliegern auf Verwunderung. Deshalb möchte ich hier meinen Nurflügler „Arado“ vorstellen, über dessen Entwicklung und Bau ich auf dem XIII. Nurflügel-Symposium in Scheidegg einen Vortrag gehalten habe.

Als die Bauzeit wiedermal vor der Tür stand, war ich auf der Suche nach einem neuen Nurflügelprojekt. So wurden Bücher und Zeitschriften gewälzt, bis ich beim „Spezi“ von Lothar Wehmann angekommen war. Der sollte es sein! Jedoch größer und mit der heute üblichen Profilierung und Steuerung. Da ich Rippenbauweise bevorzuge, kam mir die Flächenform mit der hohen Zuspitzung und der kleinen Streckung wegen der verminderten Flatterneigung sehr entgegen. Dieser Punkt schien mir wichtig, denn leider stand ich schon mal im Balsaregen, allerdings nicht, wie man erwarten könnte bei einem Pfeil, sondern bei einem Brett-Nurflügel.

Nun wurde erst einmal die Dreiseitenansicht des Original-„Spezi“ soweit vergrößert, dass der Flächeninhalt etwa einen Quadratmeter ergab. Ja, das entsprach meinen Vorstellungen. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, kam ein Profil zur Anwendung, das sich schon auf einem anderen Nurflügel bewährt hatte: EH-3112. Die runde Profilnase und die relativ dicke Endfahne schienen mir für den Bau vorteilhaft, denn der Arado sollte mein erstes Modell ganz in Kiefer-Sperrholz-Bauweise werden.

Alle benötigten geometrischen Größen und Profildaten standen jetzt fest und so konnte ich mit den Berechnungen von Schränkung, Schwerpunktlage, Rudernullstellung, Tiefensprung, Holmdimensionen usw. beginnen. Die dafür benutzten Formeln und Diagramme kamen aus den Büchern „Schwanzlose Flugzeuge“ von Karl Nickel und Michael Wohlfahrt sowie „Nurflügelmodelle“ von Martin Lichte. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, die Berechnungen sind sehr einfach gehalten. Sie reichen aber für den Normalflieger aus und führten bisher immer zu recht gut fliegenden Modellen. Die x-te Nachkommastelle geht bei einer Rippenfläche sowieso in der Bauungenauigkeit unter.
Als nächster Schritt stand das Zeichnen eines genauen Bauplans an, denn, wie schon erwähnt, dieser Nurflügel sollte ja eine Sperrholzkonstruktion werden. So wurde jede Rippe einzeln gezeichnet – mit allen Ausschnitten und Bohrungen für Haupt- und Hilfsholm und möglichst viel Aussparungen zur Gewichtseinsparung. Auch alle anderen Teile wie Servobretter, Verstärkungen, Randbögen usw. wurden exakt gezeichnet, damit nachher beim Bau alles passte.


Rippenbauweise in Perfektion. Ein im Voraus erstellter Bauplan gehört in jedem Fall dazu. Beplankt wurde mit 0,4 mm dünnem Sperrholz. Die Aluminium-Störklappen helfen dabei, die Gleitflugleistungen auszutricksen.



Das präzise Aussägen und Zurichten der Teile aus Flugzeugsperrholz war dann allerdings eine Fleißaufgabe – aber auch das gehört zum Modellbau. Die weitere Herstellung der Fläche unterschied sich kaum von der einer Balsarippenfläche: Rippen auf Holme setzen, Holmverkastungen einsetzen und die Endleiste anbringen. Neu für mich war lediglich das Aufbringen der Beplankung aus 0,4 mm starkem Sperrholz in einem Stück um die Profilnase herum. Aber mit etwas Geduld war auch dies zu schaffen. Jetzt stand der komplette Rohbau endlich vor mir. Fast zu schade zum Bespannen! Dennoch erhielten die offenen Rippenfelder eine Haut aus Oratex und die beplankten Teile eine Lackierung.
Auf einen Rumpf hatte ich bei diesem Modell, im Gegensatz zum Original-„Spezi“ bewusst verzichtet, denn es sollte ein reiner Nurflügler werden. Lediglich zum Schutz der Tragflächen bei der Landung und zum besseren Starten erhielt das Modell eine Kufe.

Wegen des fehlenden Rumpfes und dem damit fehlenden Hebelarm zum Schwerpunkt benötigte ich dann leider etwas mehr Blei zum Auswiegen. Das Gesamtgewicht mit 3.900 g blieb aber im Rahmen meiner Erwartungen, und die Flächenbelastung von 38 g/qdm ist für einen Segler, der mit einem Quadratmeter Fläche schon zu den Großseglern zählt, sicherlich auch nicht zu viel.

Beim Erstflug konnte der „Arado“ auch gleich seine guten Flugeigenschaften unter Beweis stellen: Nachdem der erste Start mit den berechneten Werten für Schwerpunkt und Rudernullstellung völlig unproblematisch verlief, ließ der Aufwind am Haushang nach kurzer Zeit sehr zu wünschen übrig. Etwa fünfzehn Minuten dauerte der zähe Kampf, bis der „Arado“ wieder Startüberhöhung hatte, aber dann probte ich gleich noch Rollen und Loopings. Dieses Modell hat also meine Erwartungen voll erfüllt: Es liegt wie ein Großsegler satt in der Luft, ist absolut gutmütig zu fliegen und zudem noch kunstflugtauglich.
Einen Nachteil möchte ich allerdings nicht verschweigen: Mit seinen großen Flächentiefen ist das Modell leider etwas unhandlich. Zudem erfordert es, im Vergleich zu einem fertigen EPP-Modell, viel Bauaufwand. Sieht man dann aber den Arado mit den durchscheinenden Rippenflächen ruhig durch die Luft gleiten, muss man feststellen: Die Arbeit hat sich wirklich gelohnt.
Ernst Faller



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