Zu Beginn der 70er-Jahre stellte man bei Alexander Schleicher mit der ASW-15B einen erfolgreichen Nachfolger der bis dato gut verkauften ASW-15 vor. Charakteristisch für dieses neue Flugzeug waren gegenüber dem Vorgänger das höher gestreckte Seitenleitwerk mit Hornausgleich. Weitere Änderungen im Cockpitbereich und bei der Ballastierung ergänzten das „Re-Design“. Der Tragflügel mit einer Wortmannprofilierung wurde, da zu dieser Zeit absolut „state of the art“, übernommen und tat auch bei der späteren ASW-19, dem Nachfolger der ASW-15B, noch gute Dienste.

Bei Graupner hat man sich beim Nachbau im Maßstab 1:3,75 an ein gängiges Maß gehalten und so einen „kleinen“ Großsegler mit handlichen Abmessungen geschaffen. Größere Abweichungen vom Original bei den Abmessungen an Tragflügel und Leitwerken sind nicht festzustellen, so dass man eigentlich von einem Semi-Scale-Modell sprechen kann. Aber etwas weicht doch gravierend vom Original ab, denn der Baukasten enthält einen Flügel, der zum Ausbau auf Wölbklappen gedacht ist. Das zum Einsatz kommende Profil HQ/W 2/12 von Dr. Helmut Quabeck schreit geradezu danach und soll dem Modell ein sehr breites Einsatzfeld sichern. Wem das jedoch zu „provokant“ ist, der hat schon aufgrund des beiliegenden Materials selbstverständlich die Möglichkeit, den bereits vorgefrästen Schlitz für die Wölbklappen auf der Unterseite mit Balsaleisten zu verschließen. Aber Hand aufs Herz, wenn ich mit dem Modell nicht an entsprechenden Wettbewerben teilnehmen möchte, ist man mit der Option auf die zusätzlichen Klappen und somit einer deutlichen Leistungsverbesserung besser beraten. Ein weiterer Aspekt ist, dass man aus 3 m Entfernung bei sauberem Finish sowieso nichts mehr von den zusätzlichen Klappen sieht. Die Vorteile überwiegen. Man kann die ASW optimal den Einsatzbedingungen anpassen und bei positiver Verwölbung deutlich langsamer in der Thermik kreisen, bei negativer Klappenstellung jedoch mit einer spürbaren Geschwindigkeitszunahme rechnen. Die Agilität mit den Querrudern beigemischten Wölbklappen wird spürbar besser und macht Kreiswechsel zum Kinderspiel. Beim Austoben im Kunstflug werden mit dieser kleinen Änderung gegenüber dem Original Rollen zum Hochgenuss. Eine nützliche Option ist es auch, die Klappen als Hilfe beim Landen zusätzlich zu den serienmäßigen Störklappen zu verwenden. Landungen auf kleinen Plätzen, wie zum Beispiel im Gebirge, werden damit einfacher.


Das große Cockpit verleitet förmlich zum Ausbau

Rumpf und Seitenruder sind in GFK-Bauweise erstellt, weiß eingefärbt und absolut makellos. Im Seitenruder ist die Lagerung bereits integriert. Es fehlen nur noch die Ruderhörner und das Ganze ist betriebsbereit. Der Rumpf glänzt mit einer tollen Oberfläche, einer sehr guten Trennnaht und weiteren sinnvollen CFK-Verstärkungen im Bereich des Seitenleitwerks. Die Aufnahmen für das Pendelhöhenruder sind ebenso einlaminiert. Man muss nur noch die Kulisse für die Höhenleitwerksanlenkung ausfräsen oder -feilen. Zur Verstärkung und Aufnahme von RC-Equipment und dem Einziehfahrwerk liegen gefräste Sperrholzteile bei, deren Platz im Rumpf alleine schon durch deren Passung vorgegeben ist. Man kann sie ohne Nacharbeit einsetzen und muss nur noch vor dem Verkleben die GFK-Oberflächen aufrauen. Eine noch größere Festigkeit erzielt man, wenn man die Spanten beim Einkleben mit Glasmatten in den Rumpf laminiert. Die Lagerstellen für die Tragflächenstähle (Hauptverbinder: 16 mm Rundstahl) sind vorbereitet und mit wenig Arbeit fertig zu stellen. Der Haubenrahmen aus GFK verlangt nach einem Ausbau des Cockpits. Leider jedoch ist die Kabinenhaube nicht, wie bei anderen Großseglern von Graupner, gefräst und muss von Hand angepasst werden. Das ist schade und ich würde mir wünschen, wenn dies für zukünftige Modelle wieder geändert werden könnte. Dies ist aber auch der einzige Punkt, der am Rumpf zu beanstanden ist. Übrigens ist eine Sitzwanne und ein Instrumentenpanel dem Baukasten beigefügt. Diese beiden Teile erleichtern einen geplanten Cockpitausbau doch wesentlich.

Das Höhenleitwerk hat einen Styrokern und ist mit Abachifurnier beplankt. Das Hauptlagerrohr des Pendelruders ist bereits verklebt, nur die hinteren Röhrchen sowie die Schraubsicherung der Leitwerkshälften müssen noch eingesetzt werden. Die Nasen- und Endleisten sind vorgearbeitet, so dass wirklich nur noch ein Feinschliff der Oberflächen vor dem Finish notwendig ist.
Auch die Tragflächen mit Abachibeplankung haben verschliffene Nasen- und Endleisten, darüber hinaus noch eingebaute Störklappen sowie angeschlagene Querruder und Wölbklappen. Der Holm besteht aus CFK-/GFK-Einlagen und Holz als Verbindung zwischen oberer und unterer Holmeinlage, also ein Doppel-T-Holm. Das ergibt in Summe einen sehr steifen Flügel, der aber auch den Ansprüchen bezüglich Torsionsfestigkeit eines Sandwichflügels in allen Belangen gerecht wird. Der Profilstrak und die Auslegung der Tragfläche kommen, wie bei anderen Topmodellen der letzten Zeit aus dem Hause Graupner, wieder von Dr. Helmut Quabeck.

Die Querruder und Wölbklappen sind in derselben Perfektion wie bereits am F3J-Modell „Soarmaster“ angeschlagen und müssen auf der Oberseite lediglich mit einer feinen Säge bis auf das eingelegte Gewebe eingeritzt werden und auf der Unterseite von der Balsaverkastung der Ruder befreit werden. Für den Erbauer bedeutet dies wenig Aufwand bei optimalem Ergebnis. Das Ausarbeiten der Ruder ist, wenn man sich an die Bauanleitung hält, wirklich einfach und geht zügig von der Hand. Man erhält damit leichtgängige Ruder. Weitere hilfreiche Hinweise zu diesem Verfahren sind auch als Download auf Graupners Internetseite zu erhalten (www.graupner.de/downloads/). Nachdem die Ruder und Klappen leichtgängig gemacht und provisorisch zum Testen angelenkt sind, kann man mit dem Feinschliff der Flächen beginnen.
Als Aufhängung für die Tragflächen ist ein 16-mm-Rundstahl vorgesehen, dessen Lagerung im Flügel bereits integriert ist und in den kohlefaserverstärkten Holm übergeht. Ein Festigkeitsproblem im Flugbetrieb sollte dabei wirklich nicht auftreten. Die Löcher für die Torsionsstifte müssen in der Fläche ausgemessen und verbohrt werden. Für die Servos, drei Stück je Fläche (Querruder, Wölb- sowie Störklappen) sind die Schächte ausgefräst. Die Kabel zu den Servos sind noch einzuziehen. Graupner empfiehlt, die Servos einzuschrumpfen und in der Fläche zu verkleben.

Zur Bespannung der Flächen und Leitwerke legte man der ASW eine große Rolle „Superfilm weiß“ bei, so spart man Zeit und Geld, denn diese Folie ist wirklich so gut, dass man sie nicht durch andere Fabrikate ersetzen muss.



oben und unten:
Sauber verpackt liegen die Kleinteile, Landeklappen, Schrauben und Anlenkungsteile dem Baukasten bei. Die Spanten sind sauber und sehr passgenau gefräst


Die Leitwerkspartie, wie sie aus dem Baukasten kommt. Ein Voll-GFK-Seitenruder und das Pendelhöhenleitwerk in Styro-Abachi-Bauweise. Die Rohre für die Lagerung sind bereits werksseitig eingebaut

Mehrere Plastiktüten mit Kleinteilen, Gabelköpfen, Löthülsen, Schrauben und auch die Tragflächenverriegelung liegen dem Bausatz bei. Leider waren diese bei meinem Exemplar ein wenig unlogisch in der Verteilung auf die Tüten. Ich würde mir wünschen, dass diese den Baugruppen wie Rumpf, Tragflächen oder Leitwerksbereich zugeordnet wären, was viel Sortierarbeit anhand der Stückliste beim Bau ersparen würde. Zugekauft werden müssen lediglich, wenn gewünscht, das Einziehfahrwerk und die Schleppkupplung sowie Instrumentensätze für einen Cockpitausbau.

Meine ASW wurde also mit der Folie aus dem Baukasten bespannt und dann mit einem Finish versehen, das meiner Ansicht nach besser zu dem Modell passt, als der beiliegende Dekorbogen mit grüner Kennzeichnung und ebensolchen Zierstreifen. Diese sind zwar „full-scale“, denn das Vorbild dieser Maschine steht auf einem Flugplatz auf der schwäbischen Alb, ich wollte mich aber mit meinem Finish an die älteren ASW-Typen aus den 70er-Jahren anlehnen. Eine Anfrage per E-Mail bei Schleicher ergab eine rasche und freundliche Antwort bezüglich des damals verwendeten RAL Tones (RAL 2003 Orange) sowie einigen Bilddateien aus dem Cockpitbereich.


Als RC-Komponenten verwendete ich an den Querrudern, Wölbklappen und dem Höhenruder Digitalservos von Graupner, die restlichen Funktionen wurden mit herkömmlichen Standardservos versehen. Ein fünfzelliger Sanyo-Akkupack mit 3.000 mAh Kapazität sorgt mit einer Schottkydiode für die Stromversorgung. Zum Auswiegen des Schwerpunktes waren dann noch 170 g Blei notwendig. Die Ruderwege für den Erstflug übernahm ich aus der Anleitung. Jetzt war ich gespannt, was der neue Vogel denn wiegt. Mit 5.380 g lag die ASW-15B zwar über der Katalogangabe, aber die Flächenbelastung von 68,6 g/qdm scheint für ein Modell dieser Größe ein guter Wert zu sein.

Zum Erstflug stand eine große Schleppmaschine mit einem 160-ccm-Motor zur Verfügung. Nach einem ruhigen Schlepp wurde in ca. 200 m Höhe ausgeklinkt und erstmal der Geradeausflug und große Kreise angetestet. Eine kleine Korrektur an der Höhenrudertrimmung für einen stabilen Geradeausflug war vorerst die einzige notwendige Änderung. Auch die Überprüfung des Schwerpunkts ergab keine Abweichung vom Sollzustand und somit wurde die erste Landung eingeleitet. Die Reaktion auf die Landeklappen ist gut zu beherrschen und ein wenig Höhenzumischung sollte ausreichend sein um ein kontrolliertes Sinken bei gleich bleibender Geschwindigkeit einzustellen. Mit jedem weiteren Flug stieg das Vertrauen in die ASW und der Spaßfaktor beim Fliegen stieg und stieg. Die ersten Kunstflugfiguren wie Looping, Turn und Rollen zeigten das sehr gute und spontane Ansprechen auf die Ruder und ein vorhersehbares und somit gut beherrschbares Abrissverhalten. Turns machen mit der großen Seitenruderfläche wirklich Freude. Rollen aller Art kommen mit zugemischten Wölbklappen mit einer sehr hohen Rollgeschwindigkeit und gezeitete Rollen rasten richtig schön ein. Nur zum Ende der Rolle sollte man rechtzeitig die Finger vom Seitenruder lassen, denn sonst sieht der letzte Teil der Rolle etwas gekünstelt aus, da das Heck der ASW dann gerne nachdreht. Auffallend beim flotten Fliegen und Kunstflug ist die gute Festigkeit der Flächen. Es biegt sich nichts und ein Flattern war selbst bei sehr hohen Geschwindigkeiten nicht zu provozieren.

Die Reaktion auf die Wölbklappen, die Querruder sind der Wölbklappenfunktion ohne Differenzierung beigemischt, ist als sehr gut einzustufen. Drei Millimeter positive Verwölbung machten sich in der ruhigen Herbstluft und beim Thermikkreisen sehr positiv bemerkbar. Die ASW wurde deutlich langsamer ohne Tendenz zum Abriss. Auch eine Korrektur der Höhenrudertrimmung war nicht notwendig, ein typisches Merkmal der HQ/W-Profile. Wenn es schneller gehen soll, dann die Klappen 2 mm nach oben und ab geht die Post. Größere Distanzen kann man so zügig überwinden und Absaufer schnell verlassen. Auch zum Figurenfliegen sollte man die Klappen generell negativ verwölben. Die ASW fliegt dann sehr zügig und der Fahrtverlust zwischen den Figuren hält sich in Grenzen. Nach mehreren Flügen habe ich den Schwerpunkt geringfügig vor die Herstellerangabe gelegt. Es haben sich dadurch noch bessere Kreisflugeigenschaften ergeben und entsprechen somit meinem persönlichen Flugstil besser. Aber es handelt sich dabei um eine Bleizugabe von knapp über 20 g und der Schwerpunkt laut Bauanleitung sorgt ja bereits für ein gutmütiges Flugverhalten.

Mein Fazit
Mit dieser ASW-15B hat Graupner ein äußerst attraktives und dennoch handliches Modell der 4-m-Klasse auf den Markt gebracht. Die Optik stimmt und – was einigen Scale-Enthusiasten aufstoßen mag – der Einsatz von Wölbklappen vergrößert den Einsatzbereich des Modells immens. Ein sehr gut ausgestatteter Baukasten, überzeugende Qualität bei allen Bauteilen und ausgewogene Flugeigenschaften machen das Konzept von A bis Z stimmig.
Alexander Wunschheim

Hersteller:
Graupner-Modellbau, Kirchheim/Teck, www.graupner.de

Bezug:
Fachhandel


Eine makellose Schönheit – so stellt sich das 4-m-Flagschiff von Graupner dar

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