Wenn es um Fernsteuerungen geht, ist Deutschland das Land der "Bauchläden". Die Steuerzentrale hing an breiten Riemen vor dem Bäuchlein. Versuche, hauptsächlich für den amerikanischen Markt bestimmte Handsender aus Japan hierzulande zu etablieren, endeten in Marktnischen. Der Bauchladen war das Maß der Dinge und Statussymbol zugleich.

Ändern sollte sich das erst mit dem stürmischen Aufkommen des Elektroflugs und der HLG–Welle. Beweglichkeit war gefragt, eine Hand zum Werfen sollte frei sein und Modellflug wurde in einem stärkeren Maße wie bisher von Flugplätzen entkoppelt. Mit einem HLG kann auf jeder Wiese geflogen werden und gelandet wird in die Hand. "Modellflug light" ist angesagt. Dass dies Einfluss auf die Entwicklung der RC–Sender hat, merkten alle Hersteller am Erfolg der "Cockpit MM" von Multiplex. Nicht pure Größe sondern Ergonomie war gefragt. Nicht dicke Handbücher sondern smarte Software war der Erfolgsfaktor. In diese Reihe stellt sich nun die "Royal EVO".

Die Messlatte für eine innovative Anlage ist heutzutage, neben der technischen Leistungsfähigkeit, vor allem das Design. Es sind die Ergonomie und intuitive Softwarebedienung, die ein erfolgreiches Produkt ausmachen. Hier nun geht es um eine kritische Analyse und nicht der Wiederholung des Handbuchs. Denn das Letztere ist auch auf der Internetseite von Multiplex im PDF–Format hinterlegt (www.multiplexrc.de).
Multiplex hat mit der EVO ein sehr flexibles System geschaffen. Je nach Geldbeutel und Bedarf kann aus einer Palette das Optimum zusammengestellt werden. Lieferbar mit neun und zwölf, seit der Spielwarenmesse 2003 auch als Einsteigervariante mit nur sieben Kanälen, ist die EVO serienmäßig mit allen Schaltern ausgerüstet. Zusätzlich bietet das System die Möglichkeit, den Sender mit einem Synthesizer auszurüsten. Die damit gewonnene Kanalfreiheit kann mit einem optionalen Scanner unter Kontrolle gebracht werden. Wer an einem langen Wochenende zum Haushang fuhr oder gar an die Wasserkuppe pilgerte, sah nicht selten Modelle wegen doppelter Kanalbelegung abstürzen oder bestenfalls am Boden festgeankert. Besonders die Hang– und Wettbewerbsflieger werden den Synthesizer zu schätzen wissen.

Die EVO wurde konsequent als Handsender konzipiert. Dazu gehört nicht einfach nur eine Reduktion der Außenmaße. Beim Werfen wird der Sender mit einer Hand gehalten, dazu sollte er leicht sein und eine griffgünstige Form haben. Wichtige Schalter sollten mit der haltenden Hand erreichbar sein. Der Akku darf nicht zu schwer sein, sollte aber gleichzeitig für den ganzen Flugtag reichen. Doch nun der Reihe nach:




Wir beginnen mit der "Hardware"

Das Gehäuse besteht aus zwei Kunststoffschalen. Die untere wurde naturbelassen und ist schwarz, die obere ist lackiert und glänzt in schlichtem Silber. Die Erscheinungsform wirkt dadurch sehr elegant – dunkle Bedienelemente setzen sich von der hellen Gehäusefarbe ab. Die quadratische Form mit abgerundeten Handauflagen hat profilierte Griffmulden und einen Tragebügel auf der Rückseite. Gehäuseverschlüsse befinden sich unterhalb des Tragebügels, an einer Stelle, die im normalen Betrieb nicht zufällig erreichbar ist. Das Gehäuse wird nur aufgemacht, wenn HF–Modul oder Quarz ausgewechselt werden müssen. Der ganze Sender wiegt etwa 900 g. Unten sind zwei Füße angeformt, sodass der Sender zum Akkuladen senkrecht hingestellt werden kann. Die Ladebuchse befindet sich nämlich auf der Rückseite. Sie liegt leider offen da – ich vermisse hier eine Abdeckung. Ein RC–Sender ist schließlich ein Outdoorgerät, wird oft am Boden im Gras abgelegt, mit der Folge, dass Feuchtigkeit eindringen kann. Die Antenne kann in zwei Positionen – gerade oder nach links abgewinkelt – arretiert werden. Zudem verschwindet sie ganz im Sendergehäuse.

Sender werden auf zwei Arten bedient: Indem sie programmiert und Einstellungen vorgenommen werden, dann hat man den Sender vor den Augen. Oder wenn das Modell in der Luft gesteuert wird, dabei richten sich die Augen auf das Modell, der Sender muss also blind bedient werden können. Das klingt sehr offensichtlich, hat aber wesentlichen Einfluss auf die Platzierung der Elemente. Diese werden im Flug nicht gesehen sondern müssen ertastet werden. Eine Anordnung der Schalter in einer Reihe wäre ungünstig, weil dann nur abgezählt werden kann, um den richtigen zu erwischen. Fehlbedienung ist fast vorprogrammiert. Wie eingangs erwähnt, wurde die EVO als Handsender konzipiert. Die Hände haben also beim Fliegen eine feste Position.

Bedienelemente, die zum Steuern benötigt werden, sollen mit "freien" Fingern erreichbar sein, ohne die Hände bewegen zu müssen. Gleichzeitig sollten Tasten, die zum Programmieren gebraucht werden, nicht erreichbar sein, damit man keinen Unfug anstellen kann. Bei der EVO wurden Steuerelemente für den Flug konsequent um die Steuerknüppel angeordnet. Es lassen sich definierte "Bedienzonen" ausmachen. Besonders die Schalter, die bei vielen anderen Sendern brav in einer Reihe sitzen, können nun fehlerlos ertastet werden. Dabei ist es mit Augen aufs Modell gerichtet nur von Vorteil, wenn sie seitlich am Gehäuse angebracht sind. Zu den Highlights jedoch gehören die um bis zu 15 Grad verdrehbaren Steuerknüppel. Denn bei Handsendern zeichnet der Daumen einen Kreisbogen. Der Steuerknüppel sollte in seiner Neutralstellung möglichst auf diesem Bogen laufen, nur dann wird der Ausschlag des zweiten Kanals nicht beeinflusst. Durch das Lösen von ein paar Schrauben im Senderinneren kann dies angepasst werden. Ein entsprechender Torxschlüssel findet sich an der Innenwand. Zu den weiteren Neuerungen gehört das "Trimmkreuz": Die EVO–Trimmung ist digital, die Werte werden mit jedem Modellplatz abgespeichert. Dadurch entfällt die mechanische Kopplung von Steuerknüppel und Trimmung. Es ist daraus ein neues Bedienelement entstanden: Kreuzförmig angeordnete Tasten mit einer kleinen Erhebung in der Mitte, damit auch blind die klare Identifizierbarkeit gewährleistet ist.


Statusanzeige 01: Aktueller Modellname, Akkuspannung, Besitzername, Gesamtbetriebszeit sowie die Trimmgrafiken werden eingeblendet


Statusanzeige 02: Softwareversion, HF-Modul oder beim Synthesizer ausgewählter Kanal, sind zu sehen. Unten ist berechnete Akkukapazität, die daraus resultierende Restlaufzeit und die Gesamtbetriebszeit zu finden


Die Timer-Statusanzeige (von oben nach unten): Rahmentimer, Summentimer, Intervalltimer. Das Summen-Icon mit dem Pfeil nach oben weist auf den nach oben zählenden Summentimer hin. Rechts ein Hinweis, mit welcher Taste (M) er ausgelöst wird


Statusanzeige des Modells: Oben links die Beschreibung des auf dem linken 3D-Digi-Einsteller befindlichen Einstellwerts, hier ein Mischer. Das Schloss zeigt, dass dieser nicht gesperrt ist. Eine Zeile tiefer dann Modellname und Akkuspannung. In der Mitte der Modelltyp und in großer Schrift die aktuelle Flugphase mit Hinweis auf den Schalter (O)

Für die Bedienung der Software sind zwei 3D–Digi–Einsteller vorgesehen, welche an den oberen Gehäuseecken platziert sind und beim Steuern mit den Zeigefingern erreicht werden. Diese sind schon aus der Cockpit MM bekannt. Durch Drehen wird navigiert oder Einstellwerte können verändert werden. Drücken bestätigt den Eintrag. Alle Werte werden auf einem in der Neigung verstellbaren Display eingeblendet. Dessen Oberfläche wurde – damit sie nicht blendet – mattiert.

Damit sind wir bei der "Software" angelangt. Beim Modellflug setzt man sich per Definition mit der Technik auseinander. Trotzdem bleibt die Bedienung der Software ein heikles Thema, vor allem, wenn dies nur gelegentlich geschieht. Die Qualität einer modernen RC–Anlage steht und fällt also mit der intuitiven Bedienbarkeit der komplexen Funktionalität. Der erste Schritt bei der EVO wurde durch das Definieren der Menüstruktur gemacht. Angenehm ist, dass die innere Logik der Programmierung, dass Servos von Mixern angesteuert werden und diese Geber zusammenfassen, sofort sichtbar ist.



Bei Multiplex entschied man, dass das Menü über sogenannte Hardkeys zugängig gemacht wird. Damit sind Tasten gemeint, die eine fest zugeordnete Funktion haben. Der große Vorteil besteht darin, dass die Menüstruktur immer sichtbar ist. Der Aufbau der Struktur wird einem ständig vor Augen geführt – man lernt schneller. Daneben gibt es noch eine große "Enter"–Taste sowie Tasten, mit denen Einstellmöglichkeiten auf den 3D–Digi–Einsteller aufgeschaltet werden können, Werte umgekehrt oder auf den Ausgangszustand zurückversetzt werden, plus zwei Tasten, mit denen zwischen den vier Hauptmenüs geschaltet wird. Natürlich werden alle Menüs in Klartext beschrieben, dabei kann zwischen Deutsch und Englisch umgeschaltet werden. Servowege werden mit Grafiken dargestellt und, wo nötig, werden kleine Symbole (Icons) eingeblendet.


Menü: Mischer>QUER+ – Eine Navigationsebene tiefer, die Anteile der einzelnen Geber werden hier eingestellt



Menü: Servo>Zuordnen – Unser Mischer "Quer+"wurde den Empfängerausgängen 1 und 5 zugeordnet. Verwendet werden Servos mit Uni-Impulslänge und der Abgleich kann über eine Drei-Punkt-Kurve kontrolliert werden


Menü: Servo>Abgleich>QUER+ – Hier kann die mechanische Charakteristik des Servos (Endausschläge P1 und P5 sowie Mittenstellung) korrigiert werden. Bei "Servoreverse"ist der Verlauf der Kurve von oben nach unten



Geber>Zuordnung – Alle Geber können frei zugeordnet werden. Die Geber für die Hauptsteuerachsen werden als Mode festgelegt. Die Zuordnung der Geber und Schalter kann unter eigenem Namen abgespeichert werden (hier: Segler)


Servo>Monitor – Eine Übersicht der momentanen Servoausschläge. Das ist vor allem beim Programmieren hilfreich. Daneben gibt es eine Ansicht mit Zahlenwerten


Speicher >Eigenschaften – Eine Übersicht der Eigenschaften, bezogen auf das aktuelle Modell. Die fertigen Vorlagen sind vor allem beim Erlernen des Programmierens hilfreich

Von den sechs Menüpunkten werden in dreien (Geber, Mischer, Servo) modellbezogene Einstellungen vorgenommen. In den Menüs "Setup" und "Speicher" werden globale Daten abgelegt. Dazu kommt ein Menüpunkt mit Timereinstellungen. Doch der Reihe nach: Die Programmierung fängt mit "Setup" an. Hier kann der Sender konfiguriert werden. Der Kontrast der Anzeige, die Piepstöne, das Aussehen der Trimmgrafiken, Benutzername und Passwort werden festgelegt. Auch der Gas– bzw. HF–Check und eine Korrektur der Akkukapazität werden hier vorgenommen. Ferner werden die bis zu 14 Mischer definiert, auf die im Mischermenü zurückgegriffen wird. Die EVO verfügt über ein "modernes Akkumanagement", das die aufgeladene und verbrauchte Energie (auch bei ausgeschaltetem Sender) mitzählt. Angezeigt werden sowohl die verbliebene Restbetriebszeit als auch die Restkapazität. Auch verfügt die EVO über eine freie Geberzuordnung: Neben der Auswahl des Knüppelmodus ("Höh" links oder rechts) kann die Zuordnung aller Geber und Schalter frei belegt werden. So kann bei einem HLG, der aus der Hand geworfen wird, die Phasenumschaltung mit einem anderen Schalter geschehen als bei einem Motormodell. Fünf solcher Zuordnungen können unter jeweils eigenen Namen abgespeichert werden.

Als Nächstes wird im Speichermenü ein neues Modell angelegt. Dabei wird auf eine der fertigen Modellvorlagen zurückgegriffen, die typischen Flugmodellkonfigurationen entsprechen. Das Lernen der Programmierung wird dadurch sehr vereinfacht – anhand von Beispielen kann quer gecheckt werden, was genau programmiert wurde. Diese Vorlagen lassen sich frei modifizieren, um sie eigenen Modellen anzupassen. Da heutzutage oft unterschiedliche Empfänger Verwendung finden, kann die Servozuordnung an unterschiedliche Fabrikate angepasst werden. Im Menü "Servo" lassen sich die Servos noch nachträglich anders zuordnen. Auch kann man bis zu drei Flugphasen definieren – wobei eine davon zu einer Hauptflugphase definiert wird. Aus einer Liste lässt sich der passende Name auswählen.
Bei der Steuerung eines RC–Modells gibt es eine Art Informationsfluss: Durch die Bewegung eines Gebers werden Informationen entweder direkt oder durch einen Mixer an die Servos weitergeleitet. Programmiert wird das Ganze bei der EVO "von hinten". Im Menü "Servo" werden neben der Servozuordnung und der Impulslänge vor allem die mechanischen Eigenschaften, wie Endausschläge und Mittenkorrektur eingestellt. Auf diese beziehen sich später Mischer– und Gebereinstellungen. Zusätzlich lässt sich die Wegcharakteristik der Servos bestimmen. Diese kann über zwei, drei oder fünf Punkte kontrolliert werden, je nachdem ob ein linearer oder nichtlinearer Verlauf gewünscht ist. Man sollte diese Ausschlagbegrenzungen auf der Geber– und der Servoseite nicht durcheinander bringen. Die servoseitige Einstellung dient der Feinkorrektur des Ruderausschlags. So kommt zum Beispiel beim Butterfly der Maximalausschlag des Querruders nach oben vor, und dieser stellt 100 Prozent des Servoweges nach oben dar. Er wird im Servomenü eingestellt. Der Weg des Querruders nach oben beim Betätigen des Querruderknüppels stellt nur 60 Prozent des Gesamtausschlags des Querruders dar und wird im Mischer "Quer+" eingestellt. Der Flugphasenabhängige Ausschlag wird wiederum im Gebermenü eingestellt. Vor allem bei der Kontrolle der Programmierung ist der Monitor von Vorteil, der im Menü "Servos" zu finden ist. Servoausschläge können dort sowohl als Balkendiagramme wie auch mit Prozentangaben kontrolliert werden. Zum Test von Reichweiten gibt es auch einen automatischen Testlauf, der den Ausschlag eines Gebers simuliert.



Die Informationen an das Servo kommen entweder direkt vom Geber oder vom Mischer. Die unterschiedliche Schreibweise ("Höhe" ist der Name des Gebers, "HöHE+" der des Mischers) sorgt für Eindeutigkeit. Das Prinzip ist denkbar einfach. Wird dem Servo "Höhe" zugewiesen – reagiert es nur auf die Ausschläge des Höhenruderknüppels. Bei "HöHE+" reagiert es dagegen auf alle im Menü Mischer > "HöHE+" zusammengefassten und an das Höhenruderservo zugewiesene Geber, wie zum Beispiel Höhenruder, Wölbklappenausgleich und Gasausgleich.

Bei einem so offenen System wie der EVO, das sowohl freie Geber wie auch Servozuordnung hat und viele Mischmöglichkeiten bietet, ist es wichtig, ein "wasserdichtes" und logisches Bedienmodell zu entwickeln, das mit einem Minimum an Wissen nachvollziehbar und selbst erklärend ist. Nur so wird gewährleistet, dass die Anleitung nicht immer mit zum Platz geschleppt werden muss – wir wollen schließlich Modellfliegen. Die Qualität eines modernen Senders besteht in Zeiten der 3–GHz–Rechner nicht so sehr auf dem Gebiet des technisch Machbaren, sondern darin den vollen Funktionsumfang mit einer intuitiven Bedienerführung zugängig zu machen. Wenn Seglerhersteller Mischanleitungen zum Bausatz mitliefern, dann ist das ein vorzüglicher Service ihrerseits, aber ein Armutszeugnis für die Softwareergonomie der Sender. Die EVO stellt sicher einen Meilenstein auf dem Weg zum Userfreundlichen System. Ich habe selbst mit dieser Materie beruflich zu tun und kann dem Team in Niefern nur Respekt bezeugen. Die Konsequenz, mit der das Multiplex–Team vorgegangen ist, verdient Hochachtung. Die EVO gehört zu den modernsten Systemen am Markt. Selten wurden so viele neue Ideen in ein Produkt gepackt. Saubere Arbeit
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Viktor Drzeniek


Menü: Geber>Mixer.Def – Eine Liste der angelegten Mixer

Menü: Geber>Quer – Die Einstellwerte für den Geber. Links eine Grafik, die die aktuellen Einstellungen abbildet. Oben wird die relevante Flugphase eingeblendet (normal)


Menü: Geber>Mixer.Def>QUER+ – Hier werden die Eigenschaften des Mischers definiert. Auf welchen Geber er wie (kleines Symbol rechts) reagieren soll


Menü: Mischer – Eine Auflistung der verwendeten Mischer



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