Als Berliner Modellflieger ist man es gewohnt, einige Kilometer ins Umland zum vereinseigenen Fluggelände, abends zum Teil durch eine verstopfte Innenstadt, zurückzulegen. Um sich gelegentlich auch nach Feierabend entspanntes Fliegen zu gönnen, habe ich im letzten Winter einen Slow-Flyer für den benachbarten Stadtpark konstruiert und sehr oft zum Einsatz gebracht. Leider ist das entsprechende Wetter (Windstille) ab dem Frühjahr nicht mehr so oft anzutreffen. Daher musste ein anderer Typ von Parkflyer her.

Auf der Suche nach einem kleinen, aber doch nicht so alltäglichem Elektromodell mit einem Abfluggewicht von 400 bis 500 g stieß ich schließlich auf die Microbe von RBC-Kits, hierzulande im Vertrieb durch Stefan Höllein. Qualität und Preis des Modells stehen in einem sehr guten Verhältnis. Die Teile liegen abgepackt in einer Tüte vor, wobei das längste Teil 360 mm misst. Sämtliche Holzteile, auch die Leisten, sind von gleichmäßiger Qualität - was Materialbeschaffenheit und auch Genauigkeit angeht. Vor dem Bespannen müssen die Teile nur noch fein überschliffen werden. Ferner liegen eine Zeichnung im DIN A1-Format mit allen erforderlichen Details bzw. Ansichten sowie eine deutsche Bauanleitung bei. Hier sind auch gleich alle notwendigen Zubehörteile wie Antrieb, Propeller, Räder und Bespannmaterial als Empfehlung aufgelistet.

Der Holzbausatz besteht aus CNC-gefrästen Bauteilen, die zwecks einfachem Aufbau und erhöhter Stabilität ineinander verzahnt sind. Zum Bau wurde hauptsächlich Sekundenkleber verwendet. Die Tragfläche wird in Rippenbauweise gefertigt, die Rippen sind mit Ausfräsungen versehen, die in Aussparungen des Holmes greifen. Man steckt alle Teile einer Tragflächenhälfte einfach nach der Bauanleitung zusammen und fixiert die noch losen Randbogensegmente mit Stecknadeln. Nun wird die Ebenheit des ganzen Gebildes auf einem Baubrett überprüft und anschließend werden alle Kreuzpunkte mit Sekundenkleber versehen. In meiner Microbe wurden noch zusätzlich im Bereich der späteren Querruderabtrennung 1-mm-Balsastege senkrecht zu den Holmen eingesetzt, damit die Bespannung nachher die Stellen zwischen den Rippen nicht so durchbiegen kann. Da die Holme und die Beplankung für den Rumpfanschluss etwas länger waren, habe ich die Tragflächen auf jeder Seite gleich um 12 mm länger gebaut und somit den Tragflächeninhalt um 0,6 qdm vergrößert. Damit das Modell leichter zu reparieren und im Urlaub mit dem Gepäck zu transportieren ist, entschloss ich mich, den Flügel abnehmbar zu gestalten. Aus diesem Grund wurden die beiden zu verklebenden Holme noch einmal mit Balsa der gleichen Materialdicke verstärkt.


AUFWIND-Autor Ralf Ressin mit seinem Spaßmodell


Der Rohbau des Rumpfes wird auf die gleiche Art und Weise zusammengesteckt, fixiert und verklebt. Im Bereich des Motors habe ich aufgrund des "Wespe"-Antriebes (dazu später mehr) einige Veränderungen vorgenommen: Der Alu-Winkel, der den gesamten Antrieb trägt, wurde auf einem zusätzlichen 2-mm-Sperrholzbrettchen befestigt. Der im Baukasten enthaltene Motorspant wurde zwar eingeklebt, erhielt aber zahlreiche Bohrungen als Kühllufteintritt. Im Armaturenbrett kann die Luft durch entsprechende Bohrungen wieder heraus. Die mitgelieferte Achse wurde nicht verwendet und durch einen 4-mm-CFK-Stab mit Messingrohr als Lager ersetzt. Statt der empfohlenen 45-mm-Leichträder kommen welche mit 55 mm Durchmesser zum Einsatz. Die Motorhaube wurde nicht wie in der Bauanleitung beschrieben, verklebt, sondern abnehmbar gestaltet. Somit kommt man schnell und immer wieder an den Motor und den Regler heran. Als letzte Rumpfänderung meinerseits wird im hinteren Teil der obere Gurt durch senkrechte Absteifungen zum Mittelgurt ergänzt, um auch hier ein Durchbiegen nach dem Bespannen oder Bebügeln zu vermeiden. Und in die Leitwerke habe ich senkrecht zur Faserrichtung ein paar gleichstarke Balsastreifen eingesetzt, um nach dem Bebügeln bei 2-mm Materialstärke keinen Verzug zu erhalten. Beide Leitwerke sowie der hintere, offene Rumpfteil wurden mit leichter Polyesterfolie, die ich noch aus ehemaligen Freiflugzeiten besitze, bebügelt. Die Bespannung der Tragfläche mit leichtem Japanpapier - und die damit erzielte raue Oberfläche - führt zu einem guten Überziehverhalten. Nur durch besonders gewagte und enge Kurven bei reduzierter Geschwindigkeit kann es zu einem Strömungsabriss kommen. Meine Empfehlung ist daher eindeutig eine Papierbespannung.

FactBox


Im Rumpfvorderteil ist der Haltewinkel und das Getriebe montiert. Im Armaturenbrett sind Luftauslässe eingebracht

Die Antriebsauslegung
Die von RBC-Kits angegebene Flugmasse von 480 g mit dem darin enthaltenen Antrieb eines Speed 400 mit Getriebe und Propeller Slim-Prop 8x4" erschien mir anfangs für den kleinen und wendigen Funflyer zu hoch. Auf der Suche nach einem leichteren aber doch kraftvollen Antrieb fand ich den S-300 "Wespe" von Modellbau Groß. Der Motor ist der neue 28BB von Kyosho, mit kugelgelagerter Ankerwelle, offenem Kollektor und richtigen Schachtkohlen. Auch das Getriebe ist vom Feinsten: CNC-gefrästes Aluminium, doppelt kugelgelagerte Abtriebswelle aus 4 mm Silberstahl, sowie gefräste, extra-breite Zahnräder. Diese laufen in einer Stahl-Delrin-Paarung, was für ein sehr angenehmes Betriebsgeräusch sorgt. Aufgrund der hohen Leistungsdichte des Motors, der sehr großen Untersetzung von 8:1 und dem 9x9"-Dreiblatt-Leichtpropeller steht selbst bei moderater Spannung schon eine Strahlgeschwindigkeit von über 13 m/ Sek. zur Verfügung. Die Luftschraubenblätter sind zwar nicht weich, aber elastisch. Somit ist auch eine Landung auf dem Bauch möglich, ohne gleich einen Propellerbruch oder ein Verbiegen der Getriebewelle hinnehmen zu müssen. Die Blätter sind einzeln auswechselbar und können in Zug- oder Druckrichtung montiert werden.

Zum Fliegen
Das Einfliegen des Modells dürfte dem fortgeschrittenen Piloten keine Schwierigkeiten bereiten, wenn exakt nach Plan gebaut wurde und der Schwerpunkt korrekt durch die Lage des Akkus eingestellt ist. Bei Verwendung von Bespannpapier ist dieser schöne Spaßflieger auch weniger geübten Piloten zu empfehlen, damit sie auch den Zugang zu dieser Art von Modellen finden. Zu den ersten Flügen sind kleine Ausschläge ratsam. Ich fliege meine kleine Maschine mit folgenden Einstellungen: Querruder oben 20/unten 13 mm, Höhenruder oben/unten 20 mm. Fängt man jedoch mit dem Modell an, so sind auf allen Rudereinstellungen ca. 5 mm weniger empfohlen.

Der kleine Fun-Flyer ist von guten Rasenpisten auch bodenstartfähig. Allerdings fährt er dann bedingt durch das fehlende Seitenruder solange Kreise, bis die Abhebegeschwindigkeit erreicht ist. Aber auch ein Handstart stellt mit dem verwendeten Antrieb überhaupt kein Problem dar. Es kann wirklich alles geflogen werden, was ohne Seitenruder geht. Mir machen vor allem sehr enge Loopings und hochgezogene Wenden mit ca. 1 m Durchmesser Spaß. Daran kann man dann schön einen langsamen Überflug in wenigen cm Höhe anschließen und dann zum Rollen in 1 bis 2 m Höhe wieder Gas geben.

Mit dem Flugakku 8x 500 mAh sind ca. 4,5 min Vollgas drin. Das Modell lässt sich bei Windstille auch sehr langsam und gutmütig fliegen. Beim Herumheizen und rasantem Kunstflug ist der Platzbedarf äußerst gering und somit ist die "Microbe" überall einsetzbar. Beim Landen sucht man sich vorher gedanklich einen kleinen Platz, fliegt ihn langsam an und lässt die Maschine einfach durchsacken. Am besten geht das natürlich in höherem Gras. Selbst bei einer unschönen Landung wie Purzelbaum über die Tragfläche sind bisher keine Schäden eingetreten. Nur der teuren Getriebewelle sollte nicht zu viel zugemutet werden.

Ralf Ressin


Der große Dreiplattpropeller verleiht dem Modell fast schon eine Scale-Optik




Bezug:
Modellflugbedarf Höllein,
Glender Weg 6, 96486 Lautertal,
Tel.: 095 61/55 59 99,
Fax: 095  61/86 16 71,
www.hoellein.de



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