REPORT

Attraktive Geschichte

Zu Besuch im Deutschen Segelflugmuseum Wasserkuppe

 

Ein Fortbildungsseminar in Darmstadt verband ich mit der Gelegenheit für einen Besuch auf der Wasserkuppe. Nachdem ich die Bücher des Segelflugpioniers Peter Riedel über die Anfänge des Segelfluges und die Rhönwettbewerbe gelesen hatte, war dieser Besuch nur eine Frage der Zeit.

So machte ich mich also an einem kalten Samstagmorgen auf den Weg zur Rhön, die mich standesgemäß mit dichter „Knofe“ (Nebel) empfangen hat. Der kalte Wind tat ein Übriges und ich konnte mir die harten Lebensbedingungen der ersten Segelflugpioniere hier oben gut vorstellen. Es ist erstaunlich, was hier in zugigen Zelten mit einfachsten Mitteln unter vielen Entbehrungen entstanden ist. Diese Entwicklung zu zeigen und die Leistungen dieser Enthusiasten zu würdigen und zu erhalten – dazu wurde das Segelflugmuseum 1987 erbaut und 2005 um eine große Ausstellungshalle erweitert. Auf mehr als 4.000 Quadratmetern wird die über 100-jährige Entwicklung des Segelfluges mit zahlreichen Exponaten dokumentiert.

Neben der Präsentation und Erhaltung widmet sich der Förderverein auch der Restauration von alten Segelflugzeugen. Damit wird die Geschichte des Segelfluges am Leben erhalten und wir können diese Flugzeuge auch im Flug bei verschiedenen Veranstaltungen erleben. Alte Bautechniken werden anhand ausgewählter Exponate gezeigt – eine Fund- grube für Scale-Modellbauer! In Erinnerung bleiben damit auch die Menschen, die den Segelflug wie wir ihn heute kennen überhaupt erst möglich gemacht haben: Lippisch, Groenhoff, Stamer, Espenlaub oder Ursinius – um nur einige zu nennen. Auch der Erinnerung an diese Pioniere dient dieses Museum, man begegnet überall ihren Namen. Dem Modellflug wird in diesem Museum besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Denn viele Entwicklungen wurden zuerst anhand von Modellen erprobt, bevor sie in manntragenden Flugzeugen umgesetzt wurden. Dieser Entwicklung wird mit einer großen Ausstellung zur Geschichte des Modellflugs Rechnung getragen. Dabei begegnet man vielen „Bekannten“ aus Kindheitstagen. Modelle, Fernsteuerungen und Motoren werden in großer Vielfalt gezeigt und für die Nachwelt erhalten. Hier gleicht kein Modell dem anderen – alles wurde noch selbst gebaut und erhält dadurch einen ganz eigenen Wert. Der gesamte Modellbaubereich zeigt alles von den Anfängen bis hin zu den modernen Wettbewerbsmodellen. Die verschiedenen Sparten werden ebenso präsentiert, wie die Entwicklung der Fernsteuerungen, der Motoren und des Elektroflugs. Dazu gibt es einige wunderschöne Scalenachbauten von Segelflugzeugen – absolut sehens- und erlebenswert! Nicht vergleichbar mit Hallen, wo ein Flugzeug unter der Decke hängt und der Besucher nach einem Rundgang unter Genickstarre leidet. Geschickt angelegte Galerien ermöglichen den Blick auf die Exponate aus verschiedenen Perspektiven und so wird es wohl bei keinem Besucher bei nur einem Rundgang bleiben. Eine gute Gelegenheit den geplagten Füßen ein wenig Ruhe zu gönnen sind verschiedene Stationen, die mit Videopräsentationen dem Besucher den Segelflug näher bringen.

Obwohl es unmöglich ist, auch nur annähernd alle Ausstellungsstücke zu erwähnen, einige persönliche Highlights:
• Die Nachbauten der RRG-Ente und des berühmten „Vampyr“ zeigen nicht nur außergewöhnliche handwerkliche Leistungen, sondern geben auch einen Einblick in aerodynamische Grundlagen der damaligen Zeit. Erstaunlich, dass diese Flugzeuge geflogen sind.
• Das bekannte „Musterle“ von Klaus Heyn, ein flugfähiger Nachbau des Leistungsseglers, mit dem Wolf Hirth die Idee des Thermikflugs in vielen Ländern präsentiert hat.
• Ein originaler RRG-„Falke“ aus den 30-er Jahren zeigt, was man aus dem Wenigen, das damals erhältlich war, machen konnte.
• Der bekannte „Rhönbussard Hesselberg“, eine „Minimoa“ oder auch die „Rheinland“ sind unter anderem als Original erhalten, andere Muster wie „Reiher“ oder „Rhönadler“ als flugfähige Nachbauten.
• Traumhaft die Bauausführung des Dittmar-„Condor“ oder auch der „Weihe“. Sie stellen wohl das Maximum dar, was in Holzbauweise möglich ist. Der Übergang zu neuen Materialien wird dann auch mit verschiedenen Bauteilen von modernen Hochleistungsseglern gezeigt – spannend und informativ zugleich!

Genauere Informationen zu den gezeigten Flugzeugen finden sich auf der Homepage des Museums www.segelflugmuseum.de, die zudem auch eine gute Vorbereitung für den Besuch ist. Ich kann nur empfehlen, sich die Zeit für einen Ausflug zu nehmen und das Museum zu besuchen. Der Eintrittspreis ist mit drei Euro nicht der Rede Wert und im Museumsshop findet sich einiges an Literatur und Bildern – eine gute Ausgangsbasis für ein neues Projekt oder einfach nur zum Schmökern an langen Winterabenden.

Walter Wachtler


Der berühmte „Vampyr“ zeigt die außergewöhnlichen handwerklichen Leistungen der damaligen Segelflugzeugbauer


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Der „Reiher III“ war – gemessen an heutigen Standards - einer der ersten Hochleistungssegler


Ein originaler RRG-„Falke“ aus den 30-er Jahren zeigt, was man aus dem Wenigen, das damals erhältlich war, machen konnte


Für Holzbau- und Segelflugbegeisterte sind die ausgestellten Flugzeuge eine Fundgrube an Detailwissen

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Inmitten all der sichtbaren Holzbauweisen erscheint dieser „Kranich 1“ schon fast modern

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Der bekannte und auch bei Modellbauern beliebte „Rhönbussard Hesselberg“ erstrahlt im vollen Glanz

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Bei verschiedenen kleinen Zusatzausstellungen werden unter anderem konstruktive Details gezeigt und erläutert

 

 




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