Mit diesem Segelflugzeug nahm Lajos Rotter im Jahre 1936 am Berliner ISTUS-Segelflugwettbewerb teil, der parallel zu den olympischen Spielen in Berlin stattfand. Bei guten Wetterbedingungen startete er dann zu einem Überlandflug von Berlin nach Kiel, wo die olympischen Segelflugwettbewerbe ausgetragen wurden. Zum Erstaunen der deutschen Piloten gelang ihm dieser 336 km lange Zielflug zwischen den beiden olympischen Stätten. Es war der beste Zielflug des Jahres und Lajos Rotter erhielt dafür die goldene ISTUS-Medaille.

Kommen wir zum Modell: Bei der Suche nach Unterlagen für den Nachbau eines Oldtimer-Segelflugzeugs fand ich in dem Buch „Segelflugzeuge von 1920-1945“ (Martin Simons, Eqip-Verlag, www.eqip.de), die Abbildung und die technischen Daten des ungarischen Segelflugzeugs „Nemere“. Die elegante und zeitlos moderne Form des 20 m großen Seglers gefiel mir auf Anhieb so sehr, dass ich beschloss, das außergewöhnliche Flugzeug im Maßstab 1:3 nachzubauen.


Ein Oldtimer zum Träumen. Ganz bestimmt auch Ansporn genug, ebenfalls ein solches Projekt zu realisieren.

Als Erstes galt es festzustellen, ob die Tragflächen in diesem Maßstab, der eine Spannweite von 6,66 m ergeben sollte, noch in meinem Multivan transportierbar sein würden. Das Ergebnis war nur deshalb positiv, weil ein fest mit dem Rumpf verbundenes Flügelmittelstück vorgesehen wurde: Bei einem Flügelmittelstück von 0,4 m Breite blieb dann noch eine Halbspannweite von 3,13 m übrig. Und genau diese Dimensionen haben auch die Tragflächen meines 1991 gebauten „Spyr 5a“, den ich schon oft im Multivan transportiert habe.
Also wurde gebaut: Um die Rumpfspanten zeichnen zu können, musste zuerst die Seiten- und Draufsicht erstellt werden. Die Maße dafür habe ich aus der Zeichnung im Maßstab 1:50 aus dem Buch von Martin Simons entnommen. Das Abgreifen mit dem Zirkel setzte große Genauigkeit voraus, damit die Ungenauigkeiten möglichst gering blieben. Der nächste Schritt war dann das Zeichnen der Spanten, wofür ich die Zweikreismethode wählte.

Grazile Rippenbauweise in Perfektion!

Das Modell sollte natürlich dem Original so genau wie möglich nachempfunden werden. Deshalb entschied ich mich, auch kleinere Details maßstabgerecht nachzubauen. Dazu gehörte auch eine kombinierte Kupplung für Flugzeug- und Windenschlepp (Skizze 1). Für den Gummiseilstart besaß das Original am Rumpfheck eine Ausklinkvorrichtung, die der Pilot bedienen konnte. Hierauf habe ich aber beim Modell verzichtet. Die Ausklinkvorrichtungen wurden beim Original mit frei hängenden Seilen, die zur Klinke führten, betätigt.


Die kombinierte Kupplung für Flugzeug- und Windenschlepp

Der Cockpitbereich der „Nemere“ war für die damalige Zeit aerodynamisch sehr fortschrittlich gestaltet.

Die Tragflächenrippen mit HQ-Strak habe ich mit dem Programm „Profile 2000“ von Reinhard Sielemann gezeichnet. Leider ließ sich die Fachwerkstruktur der Rippen mit dem Programm nicht erstellen. So musste ich diese Struktur, sowie einen zusätzlichen Stützfuß für den Flügelaufbau von Hand einzeichnen. Vielleicht kann mir ein AUFWIND-Leser Hinweise geben, mit welchem Programm auch diese Aufgabe gelöst werden kann? Die Flügel- und Höhenleitwerksaufnahmen löste ich nach eigenen Vorstellungen: Um die Tragflächen schnell montieren und demontieren zu können, habe ich die Steckung von modernen Modellseglern übernommen. Das heißt, sie werden durch einen 100 cm langen GFK-Stab aufgenommen und die Fixierung erfolgt durch selbst gefertigte Muttern, die in der Wurzelrippe drehbar gelagert sind. Erreichbar sind diese Muttern durch verschließbare Deckel auf der Oberseite der Tragflächen. Auch die Ansteuerung des Höhenruders ist eine eigene Entwicklung.

Das Original hatte keine Luftbremsen. Um den Auftrieb dennoch zu beeinflussen, wurden damals schon die Querruder gleichsinnig verstellt: Um den Auftrieb zu erhöhen, nach unten, und um Höhe abzubauen und zu bremsen, nach oben. Die Verstellung geschah mit einer Kurbel vom Cockpit aus, die neben dem Kopf des Piloten angebracht war. Beim Modell habe ich die sehr langen Querruder zweigeteilt und getrennt voneinander angelenkt. Dadurch kann ich eine Butterflystellung der Ruder nutzen und ausreichende Bremswirkung erzielen.

Weitere technische Details am Modell sind zum Beispiel das originalgetreue abwerfbare Fahrwerk und die Kabinenhaube: Diese bestand beim Original aus einem Rahmen mit aufgesetzten Haubenspanten, die wiederum mit Längsgurten verbunden waren. Die Felder wurden dann mit aufgenieteten Kunststoffscheiben geschlossen. Für die Verhältnisse von 1936 bot diese Haube eine ausgezeichnete Sicht.

Im August 2003 wurden die ersten Starts mit dem Modell absolviert. Es stellte sich heraus, dass der Stabilitätsfaktor zu gering gewählt war und das Modell dadurch trotz Butterflystellung der Querruder beim Landen zu schnell war. Erst durch Erhöhung des Stabilitätsfaktors von elf auf 14 Prozent und einer damit einhergehenden Anpassung von Schwerpunkt und Einstellwinkeldifferenz habe ich eine zufrieden stellende Landegeschwindigkeit erreicht.
Friedhelm Lange

P.S.:
Ich möchte mich noch beim Modellflug Club Celle-Ahnsbeck für die Start- und Landeerlaubnis auf ihrem Modellflugplatz und beim Vereinskamerad Rainer Büttge für das Schleppen mit seiner starken Wilga recht herzlich bedanken.


Als besonderes Konstruktionsdetail hatte die „Nemere“ eine kombinierte Schleppkupplung für Flugzeugschlepp und Windenstart. Auch für das Modell wurde diese Kupplung originalgetreu nachgebaut.




Die Ansteuerung des Höhenruders ist eine Eigenentwicklung


Die "Nemere"steht auf ihrem Fahrwerk bereit zum Start. Der Abwurf des Fahrwerks kurz nach dem Start ist für die Zuschauer immer ein Erlebnis: "Der hat doch was verloren...?"


Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 2/2004

Das komplette Inhaltsverzeichniss 2/2004
Zur Heftbestelluwng bitte hier entlang.

© AUFWIND 2004