In AUFWIND 3/2004 wurde über den Bau des 3,6-m-Modells berichtet und in AUFWIND 5/2004 das erstellte Modell bereits als Postermotiv gezeigt. Der Bausatz von Eduard Seidl (www.seidlpiper.de) bot eine hervorragende Grundlage für das Exemplar und konnte auch laufend durch eigene Ideen ergänzt und sinnvoll modifiziert werden.

Da stand er also vor mir, der 9 kg leichte Rohbau, ganz in Pappel- und Flugzeugsperrholz, mit lediglich drei Teilen aus Balsaholz. Eine Generalreinigung der Werkstatt stand nun an, danach konnte es an die Fertigstellung gehen. Für das Finish des Modells hatte ich zunächst geplant, handelsübliches Bügelgewebe zu verwenden, kam aber angesichts des zu erwartenden höheren Flächengewichts davon wieder ab. Dann stieß ich auf das AMZ-Gewebe, einem stark strukturierten, papierähnlichem jedoch stabilerem Material, das mit Spannlack aufgebracht und gestrafft werden muss. Ich bestellte bei Aeroplan eine Rolle, verwarf das Vorhaben aber wieder, da mir einerseits die Zeit weglief und andererseits keine geeigneten Räumlichkeiten vorhanden waren, um über viele Tage hinweg mit Spannlack, Porenfüller und Farblacken arbeiten zu können, ohne das Wohlwollen der Mitbewohner zu strapazieren. Also entschied ich mich, auf die bewährte Klebefolie „Orastick“ von Oracover zurückzugreifen. Für die Grundfarbe wurde „Scale-Weiß“ verwendet, das mit einer Silberschicht hinterlegt ist und dadurch absolut undurchsichtig wird. Fast zwölf Meter habe ich benötigt und für die Farbstreifen ebenfalls „Orastick“ verarbeitet. Ich sandte dazu an Oracover ein Bild der Original-Piper, woraufhin Firmeninhaberin Ines Lanitz die entsprechenden Farbtöne auswählte.

Für die Fertigstellung habe ich zunächst für alle zu bebügelnden Teile die jeweiligen Folienstücke ausgeschnitten, beschriftet und zurechtgelegt. Der Rest war Routine: Bauteil entstauben, Orastick aufbringen, festreiben, Kanten verbügeln und schließlich mit einem Föhn straffen. Ein ganzes Wochenende sowie mehrere Abende der darauf folgenden Woche gingen dafür ins Land, bis eine komplett gestaltete Piper vor mir stand.

Dann war es Zeit an die RC-Komponenten zu denken. Die Servoempfehlung von Eduard Seidl besagte, dass nur hochwertige Exemplare mit mindestens 9 kg Stellkraft verwendet werden sollten. Meine Wahl fiel auf die „HS-645MG“ von Hitec bzw. Multiplex. Diese Servos wiegen 55 g, haben bei fünf Zellen des Empfängerakkus 96 Nm Stellkraft und zeichnen sich vor allem auch in ihrem Getriebe und der Elektronik durch hohe Robustheit und Belastbarkeit aus. Als Empfänger und Stromversorgung wählte ich den „DSQ-12“-Empfänger von ACT aus, der neben seinen zwölf Servosteckplätzen auch über einen Hochstromeingang verfügt, damit der Strom für die Servos nicht durch die Empfängerplatine laufen muss. Ein „DPSI“-Powersystem, wie ich es in meiner JU 52/3m gebrauche, hielt ich „für übertrieben“. Zwei fünfzellige Empfängerakkus mit je 1.300 mAh sowie die Akkuweiche mit Kontaktschaltern „Safety Power Switch AW15 DSQ“ – auch von ACT – kamen hinzu. Der Einbau der ganzen Komponenten verlief dann recht zügig, die meisten Arbeitsschritte hatte ich ja schon vorbereitet. Das Löten unzähliger Kabelverlängerungen und Anschluss-Stecker nahm die größte Zeit in Anspruch.

Die Scharniere für die Ruder lagen dem Bausatz von Eduard Seidl bei. Bowdenzüge, Ruderhörner, Gabelköpfe etc. habe ich beim Leimener Großmodellexperten Rainer Pfister (www.fliegerlandshop.de) dazugekauft. Als Bowdenzüge für die Höhenruder wurden die schwarz/gelben von Sullivan gewählt, im Vertrieb von Aeronaut. Es ist meinem Wissen nach das einzige System, das zum einen belastbar und zum anderen auch länger als 130 cm am Stück ist. Auch an meiner Ju 52/3m habe ich sie schon angewandt. Die Seitenruderanlenkung habe ich mit kunststoffummantelter Stahllitze hergestellt, die beidseitig geführt eine absolut spielfreie Anlenkung ergab. Die Schlaufenenden muss man lediglich mithilfe eines Feuerzeugs miteinander verschmelzen – einen großen Dank an Rainer Pfister für den tollen Tipp.

Nach vier Wochen Mechanik stand am 17. April der vorletzte Schritt zum Erstflug an: Ich fuhr mit der Piper im Gepäck nach Blaustein zu Klaus Kraft, dem Inhaber der Fa. Torcman, um den speziell auf das Modell ausgelegten Motor in Empfang zu nehmen. Dieser musste allerdings vor dem Einbau in das Modell noch seine Betriebssicherheit auf dem Prüfstand unter Beweis stellen. Mit zwei voll geladenen 30-Zellen-Packs „Sanyo RC-2400“ wurde der komplette Antriebsstrang auf dem Prüfstand zusammengesteckt. Als Luftschraube hatte ich einen 26x10”-Holzpropeller von Flytec besorgt. Diese Luftschrauben sind bekannt für ihren guten Wirkungsgrad und die perfekte Auswuchtung. Klaus Kraft und ich duckten uns also hinter dem Prüfstand und regelten den Antrieb langsam hoch. Als Vollgas anlag, stockte uns wirklich der Atem: 2,1 Kilowatt drehten den 26x10”-Propeller mit über 5.100 Umdrehungen pro Minute. Dem Doppelakku wurden dabei 70 A bei 30,5 Volt entnommen. Die Schubwaage zeigte unglaubliche 9,6 kg Schub an – nach bereits zwei Minuten Laufzeit. Nach sechs Minuten ständigem Wechsellastbetrieb waren die Akkus leer und wir mussten erst einmal tief durchatmen. Mit soviel Power hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Dabei arbeitete der ganze Antriebsstrang absolut zuverlässig. Der Motor wurde nur 70° Grad warm, der Regler nur 55° C. Mit diesen Testergebnissen konnte ich mein Modell guten Gewissens dem Antrieb anvertrauen. Ein weiterer Test an diesem Tag bestätigte, dass der Antrieb auch im Motorträger nicht vibrierte und die Wärmeentwicklung unter der Motorhaube ebenso in Grenzen blieb.

Der Einbau des Antriebs war nur noch eine Formsache. Der Motor wurde an den Kopfspant geschraubt, der Regler befindet sich darunter, direkt im Luftstrom der Motorhaube. Für die zwei Akkupacks habe ich eine Akkuwanne aus 4 mm starkem Flugzeugsperrholz gebaut, die sich im ursprünglich für den Benzintank gedachten Raum befindet. Die Akkupacks werden seitlich durch eine große Rumpfklappe eingelegt. Es ist genügend Platz vorhanden, um auch mit beiden Händen in dem Rumpfbereich werkeln zu können. Der Schwerpunkt passte auf Anhieb exakt mit den Akkupacks ganz vorne.


Die Testläufe des Motors am 17. April bei Torcman in Blaustein brachten wertvolle Erkenntnisse

Annährend gleichzeitig mit mir baute der in Finnland lebende Hannu Vuorinen die 4-m-Version der Seidl-Piper, ebenso mit einem „TM 685“-Motor von Torcman, jedoch mit 20 Windungen. Sein Modell wiegt 23,1 kg und wurde mit zahlreichen Scale-Details ausgebaut

Der Flügel wird mit je drei Lagen Klebeband auf den Rumpf gedrückt. Querkräfte werden durch den Formschluss zwischen Rumpf und Tragfläche aufgenommen.

Dann endlich, vier Tage nach den Testläufen in Blaustein, der große Tag: Mit zwei vollgeladenen Akkus im Bauch steht die 18,1 kg schwere HB-PQM das erste Mal auf der Startbahn des Modellflugplatzes. Für die Ruderausschläge tauschte ich mich vorher noch im Forum bei www.rcnetwork.de mit anderen Besitzern dieser Seidl-Piper aus. Noch ein kurzer Standlauf und ein gründlicher Reichweitencheck, dann wurde es wirklich ernst: Die Landeklappen in Startstellung auf 108 ausgefahren, langsam Vollgas und das Modell rollte bei 20 Prozent zügig los. Mit Seitenruder habe ich die Piper auf Kurs gehalten und nach zwanzig Metern – mittlerweile lag natürlich Vollgas an – hob das Modell ab und stieg im beeindruckenden 30°-Winkel in den Himmel. Alles passte! Die Ruderwirkungen waren direkt und exakt. Auf Sicherheitshöhe angekommen drosselte ich auf 50 Prozent und flog erst einmal ein paar große Runden um den Platz. Ein tolles Flugbild! Ich fasste sofort Vertrauen und fand Gefallen an dem Modell. Es ließ sich butterweich und wunderbar direkt steuern. Und der Sound des großen Motors mit dem Holzpropeller kam dem Original schon sehr nahe. Dann drosselte ich und flog tief an. Nach dem Abfangen Vollgas und mit beeindruckendem Antriebsgeräusch rauschte das große Modell wieder in einen Steigflug. Alles klar! Die erste Landung nach vier Minuten mit auf 70° gesetzten Klappen verlief ebenso perfekt und mit einem „Schumi-Luftsprung“ habe ich diesen erfolgreichen Erstflug beschlossen. Die Akkus waren nur handwarm, Motor und Regler ebenso.


Beeindruckend kräftig zieht der Torcman-„Monster“-Motor die große Piper in die Luft

Der zweite Flug an diesem Tag sollte die Ergebnisse des Erstfluges bestätigen, doch es kam ganz anders: Der Start verlief noch etwas kraftvoller als der erste, die Flugakkus kamen nun in Fahrt. Doch inmitten des Steigflugs, nur wenige Sekunden nach dem Abheben, ging der Motor aus. Überlastung des Reglers? Konnte eigentlich nicht sein. Die große Piper senkte die Nase und holte Fahrt auf. Zwischenzeitlich stellte ich den Gashebel auf Null und schob ihn wieder vor. Zu meiner Überraschung kam der Motor wieder, ich zog die Piper in einem Halbkreis zurück in Richtung Flugplatz, dann ging der Motor wieder aus – und blieb es auch. Mit voll gezogenem Höhenruder setzte ich das Modell auf dem benachbarten Feld auf. Alles war gut gegangen. Als ich bei der Piper ankam, sah ich, dass sie nur einen Meter vor einem tiefen Graben zum Stehen gekommen war. Wäre sie dort hineingerauscht – nicht auszudenken! Doch was war passiert? Eine der drei 4-mm-Gold-Steckverbindungen zwischen Motor und Regler hatte sich gelöst, blieb dann wohl noch an der Spitze hängen, fiel dann aber ganz heraus. Also kein Regler- oder sogar Motordefekt – einfach „menschliches Versagen“. Heute sind die Stecker mit Schrumpfschlauch gesichert – so etwas sollte mir nie wieder passieren! Ein Video von den ersten zwei Flügen steht im Downloadbereich von www.aufwind-magazin.de sowie bei www.torcman.de (Praxisbeispiele) zum Download bereit.

Viele weitere Flüge folgten bis heute. Mit den zwei 30-Zellen-Packs Sanyo RC-2400 erreiche ich Flugzeiten von bis zu zehn Minuten bei ruhigem Wetter und durchschnittlich sechs bis sieben Minuten, wenn „auf Show“ geflogen wird. Auf dem Elektromeeting in Dietlingen bei Pforzheim am 1. Mai wurde ebenso geflogen, wie auch in Traunreut am Chiemsee und beim TUN-Testflugweekend in der Schweiz (siehe
AUFWIND 5/2004). Und hier hatte ich mein ganz persönliches Highlight: Hansjörg Huber kam aus Zürich mit dem Original der HB-PQM angeflogen, damit wir unsere Flugzeuge mal zusammen aufstellen konnten. Ich flog ihm natürlich mein Modell vor und hatte dann die große Ehre, einen Rundflug über den Zürcher See mit der HB-PQM genießen zu können. Natürlich erforschte ich auch noch zahlreiche Details des Originals, die nun nach und nach umgesetzt werden. Dazu zählt auch die lange Suche nach einer Pilotenpuppe im Maßstab 1:3, die ich schlussendlich auf Empfehlung von Simon Cocker von AH Designs aus England bekam: Die Oberkörperfigur wiegt nur 88 g und sieht wirklich perfekt in der Piper aus.

Die HB-PQM ist mein Flagschiff für die kommende Saison. Die Sperrholzbauweise kommt der Alltagstauglichkeit in hohem Maße entgegen, denn Transportschäden, Druckstellen und Kratzer sind dank der 1,5 mm starken Beplankung aus Flugzeugsperrholz absolut passé. Es macht ungemein Spaß das Modell auch am Boden zu handhaben. Allein das Beladen mit den zwei Akkupacks ist eine Schau für sich. Auf den im letzten Artikel bereits angekündigten LiPo-Akkupack warte ich noch. Ehrlich gesagt, sehe ich auch – angesichts der finanziellen Investition – keine echte Notwendigkeit darin. Denn bis zu zehn Minuten Flugzeit mit den 60 Zellen sind vollkommen ausreichend und mit einer großen Autobatterie und einem guten Schnell-Ladegerät sind die Packs innerhalb einer drei viertel Stunde wieder aufgeladen. Vielleicht später mal...

Philipp Gardemin, Fotos: Jochen Zaiser, Simon Cocker, Urs Pircher


Nach dem Flug in Dietlingen am 1. Mai

 


Das Handling am Boden macht viel Spaß. Zum Aufbau ist allerdings ein Helfer nötig, der die Tragfläche hochhält während die Strebe angeschlossen wird


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