TECHNIK

Faszination PSS

Ein Regional-Jet im Eigenbau

 

Die größte Faszination beim Modellfliegen bestand für mich schon immer darin, Flugzeugmodelle selbst zu entwerfen, zu bauen und letztendlich zu sehen wie sie fliegen. So entstand im Jahre 2004 die Idee, einen Airliner als PSS-Modell zu bauen. Den Anlass, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, bot mein Sohn der seinerzeit als Pilot bei Styrian Spirit beschäftigt war. Die kleine Fluggesellschaft mit Sitz in Graz flog mit drei „CRJ 200“ verschiedene europäische Destinationen an, musste aber 2006 leider in die Insolvenz gehen.

Zunächst besorgte mein Sohn die Originalpläne des Flugzeugs und ich begann damit, Grund- und Aufriss auf die gewünschte Größe im Maßstab 1:12 zu zeichnen. Es war mir wichtig, die Maße möglichst vorbildgetreu beizubehalten, wobei es bei den Flügeln und beim Höhenleitwerk nach meinen Berechnungen notwendig war, die Maße um 12 Prozent zu strecken, um so den erforderlichen Auftrieb zu erreichen. Diese geringfügige Streckung ist visuell kaum erkennbar.

Nach Beendigung der Planung ging es auch schon ans Bauen des Rumpfes, der ganz aus Holz gefertigt wurde. Zu Beginn erstellte ich eine Rumpfhelling, anschließend wurden die Spanten aus Pappelsperrholz ausgesägt. Mit Gurten aus 3-mm-Kohlestäben habe ich sie dann im Abstand von acht Zentimetern verleimt. Die Rumpfspitze entstand aus zusammengeleimten Hartschaumplatten, die anschließend in Form geschliffen wurden. Die Beplankung erfolgte mit 1,5-mm-Balsa und 80-g/qm-Glasgewebe. Die Oberfläche wurde fein gespachtelt und verschliffen. Dann nahm ich die Tragflächen und das Leitwerk in Angriff. Gebaut wurden sie ganz klassisch in Styro/Balsa-Bauweise. Als Profil für die Tragflächen wählte ich das „Eppler 205“, das sich schon öfter bewährt hatte. Um noch etwas Gewicht einzusparen, brachte ich nach dem Verschleifen der Tragflächen und des Leitwerks einen Anstrich mit Porenfüller auf. Mit stark verdünntem Weißleim klebte ich dann Bespannpapier 12 g/qm auf. Nun wurde nochmals Porenfüller aufgetragen und vorsichtig mit 800-er Schleifpapier behandelt. Somit war die Oberfläche bereit zum Lackieren. Zu guter Letzt wurden noch die Triebwerksverkleidungen aus GFK gebaut.

Jetzt warteten alle Teile aufs Lackieren. Für mich war längst klar, dass das Modell in den Farben der Styrian Spirit lackiert werden musste. Der originale Zweikomponenten-Flugzeuglack und die Logos (Wappen und Beschriftung) wurden mir von der Airline zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Der Einbau der RC-Anlage ging dann sehr zügig voran. Als Servos dienen verschiedene Hitec-Typen: „HS-81MG“ an die Querruder, ein „HS-65HB“ am Höhenruder und ein „HS-225MG“ am Seitenruder. Gespannt ging es zum Auswiegen des Modells. Meinen Berechnungen zufolge musste der Schwerpunkt gut 2/3 hinter der Nasenleiste liegen. Grund dafür war die doch recht große Flügelpfeilung des Jets. Das wiederum erforderte gut 200 Gramm Blei in der Rumpfspitze, das ich dort zusammen mit dem Empfängerakku befestigte. Mit den nunmehr erreichten 3.150 Gramm Fluggewicht war ich sehr zuversichtlich, dass meine „CRJ-200“ fliegen würde.

Im August 2009 war es dann endlich soweit: Die Wetter- und Windvorhersagen versprachen ideale Bedingungen. Pünktlich um 10 Uhr trafen meine Frau und ich, unser Sohn mit seiner Familie, ein Fliegerkollege mit seiner Freundin – eigens aus Wien angereist – und ein weiterer Fliegerkollege an der Talstation zur Aflenzer Bürgeralm ein. Im Konvoi fuhren wir 20 Minuten lang die Mautstraße hinauf und erreichten schließlich die Bergstation auf 1.550 Metern Höhe. Dort steckten wir alle mitgebrachten Modelle zusammen und machten sie flugfertig, so auch meine „CRJ-200“. Nun stand uns noch ein Fußmarsch von rund 30 Minuten bevor, ehe wir den Abflugpunkt auf 1.750 Metern Höhe erreichten.

Die Zeit, bis sich die dichte Hochnebeldecke aufgelöst hatte, nutzten wir für ein deftiges Mahl um uns für das bevorstehende Erstflugereignis zu stärken. Nach und nach lichtete sich schließlich der Hochnebel und die ersten Sonnenstrahlen brachen durch. Ungewöhnlich für diese Jahreszeit konnten wir dann bei Temperaturen von 20 Grad die Sonne genießen. Wie vorhergesagt, kam der Wind aus südlicher Richtung. Während die Thermik zunächst noch zu schwach war um das PSS-Modell zu fliegen, nutzten die Modellflieger-Kollegen die Gelegenheit für ihre Starts. Um 15 Uhr dann waren die Bedingungen optimal und ich übergab das Modell an meinen Co-Piloten und Werfer Rudi Filzmoser. Ein letzter Rudercheck, großes Herzklopfen meinerseits, gespannte Blicke aller Anwesenden – und schon ging es los: Rudi beförderte meine „CRJ-200“ mit Schwung in die Luft – ein perfekter Start! Dennoch nahm das Modell die Nase nach unten, ich brauchte sehr viel Höhenruder um es zu halten. Anscheinend war der Schwerpunkt etwas zu kopflastig, was sich aber mit der Trimmung gut ausgleichen ließ. Ich steuerte das Modell über die Hangkante Richtung Tal, wo der „Thermikofen“ kochte. Schon nach wenigen Metern gewann das Modell bei optimaler Thermik schnell an Höhe.

Das war der Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Alle konnten sehen wie glücklich ich in diesem Moment war, und der Applaus zeigte mir, wie sehr sich alle mit mir freuten. Es ist einfach ein großartiges Gefühl zu sehen, wie das Modell, das man selbst entworfen und gebaut hat, in das man so viel Zeit und Aufwand investiert hatte, perfekt fliegt. Die Flugeigenschaften waren hervorragend. Das Modell war um alle Achsen gut steuerbar, völlig stabil und selbst im Langsamflug war das Flugverhalten absolut unkritisch. Es war ein herrlicher Anblick, das Flugbild war dem Original zum Verwechseln ähnlich. So flog meine „CRJ-200“ für mehr als eine Stunde durch die Lüfte. Dahinter das faszinierende Panorama des Hochschwab-Massivs, inmitten der schönen Steiermark. Langsam wurde die Thermik schwächer und ich machte mich für die Landung bereit. Mit etwas Überfahrt flog ich an und legte eine perfekte Landung hin – das Modell blieb völlig unversehrt.

So packten wir zufrieden am späten Nachmittag alles zusammen und machten uns auf den Weg in Richtung Tal. Mir gingen während des Abstiegs so einige Gedanken durch den Kopf: Ich ließ Tag und Flug Revue passieren und überlegte auch schon, was ich denn als Nächstes bauen könnte. Da mein Sohn derzeit einen „CRJ-900“ fliegt, hätte ich da schon so eine Idee...

Heinz Strunz


Der Rumpf wurde mit GFK beschichtet, gespachtelt und geschliffen. Die Tragflächen wurden als Styro/Balsa-Sandwich aufgebaut


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Im Tiefflug wurde Fahrt aufgeholt und gen Thermik gesegelt

Fakten

„Regional-Jet „CRJ-200“

Spannweite: 2.100 mm
Länge: 2.200 mm
Fluggewicht: 3.150 g
Fläche: 46,6 qdm
Flächenbelastung: 67,5 g/qdm


Das Flugbild ist absolut vorbildgetreu. Dem Puristen würde wohl nur das Rauschen der Turbinen fehlen


Mit 2,1 Metern Spannweite und 2,2 Metern Länge hat das Modell eine beeindruckende wie auch handliche Größe


Mein Sohn mit meinem Modell an seinem Arbeitsplatz!


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Kollege Rudi Filzmoser startete das Modell zum Erstflug in 1.750 Metern Höhe

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