Mein Wunsch war es, einen großen Segler in Holzbauweise zu bauen wie man ihn nicht „in jedem Modellbauladen“ sieht. Natürlich sollte es ein Scalemodell sein. Und das Flugbild, die Abmessungen und die Hebelverhältnisse sollten gute Flugeigenschaften erwarten lassen. Diese Forderungen führten schließlich zur Auswahl des „Reiher III“ im Maßstab 1:4.

Jetzt ging es auf die Suche nach Unterlagen. Bereits veröffentlichte Baupläne waren nicht maßstäblich und in Büchern gab es kaum brauchbares Material. Dann fand ich das mittlerweile legendäre Buch „The World’s Sailplane 1908-1945“ von Martin Simons. Danach ein erster Besuch auf der Wasserkuppe beim 1:1-Nachbau des Reiher vom Oldtimer Segelflug Club Wasserkuppe (OSC). Und im Internet stieß ich zu meiner großen Freude auf den Vortrag von Hans Jacobs über seinen Forderungskatalog für die Konstruktion des Reihers – insgesamt 16 Seiten mit vielen Zeichnungen. Hans Jacobs schreibt darin unter anderem wörtlich: „Die Zeit für das Abrüsten bzw. das Aufrüsten des Flugzeuges mit vier Mann beträgt maximal zwei Minuten“. Denn als Teilnehmer eines Wettbewerbs nach einer Landung im Tal, musste man ja möglichst schnell wieder zurück an die Startstelle am Hang.

Nach einigen Berechnungen und ersten Zeichnungen fiel die Entscheidung: Der Nachbau des „Reihers III“ des OSC wird in Angriff genommen. Denn dieser Typ hat Schempp-Hirth-Bremsklappen, wohl wegen der heute gültigen Zulassungsvorschriften. Denn Holz-Drehklappen, wie sie bei den drei Originalbaureihen verwendet wurden, flugsicher selbst zu bauen, war mir dann doch zu riskant. Und nach dem Studium eines Artikels über Großseglerprofile vermittelte mir die AUFWIND-Redaktion den Kontakt mit Norbert Habe, der mir dankenswerterweise Profile für Rippenflächen zusandte.


Trotz des Maßstabes von nur 1:4 ist es ein imposanter Großsegler, der von Adolf Stärk stolz präsentiert wird.

Als erste Probearbeit versuchte ich den Hauptbeschlag nachzubauen. Die erste von vielen CAD-Zeichnungen entstand: Ein Zentralbolzen verbindet die Tragflächen, der Rumpf hängt nur an vier Bolzen. Auf der Arbeitsplatte lagen nun 1-mm-Stahlblech, 2-mm-Gewindestangen, Schrauben, Messingrohr und vier Versuchsholmgurte. Ein langes Wochenende mit Sägen, Bohren, Feilen und Verkleben der Blechlamellen ging wie im Flug vorbei. Nur den konischen Hauptbolzen musste ich noch drehen lassen. Und da lag er nun schneller als erwartet, der Hauptbeschlag. Also musste nun auch das Modell dazu gebaut werden.

Der Aufwand für den Nachbau der Tragflächenbefestigung war enorm. In der Bildmitte ist der senkrechte Hauptbolzen der Tragflächenverbindung zu erkennen. Das Original von 1937 verfügte bereits über automatische Anschlüsse für sämtliche Ruder.

Den dafür notwendigen Zeitaufwand einschließlich der CAD-Zeichnungen habe ich gewaltig unterschätzt. Auch war eine ganze Reihe von Problemen zu lösen. Doch nach und nach entstand die CAD-Konstruktion. Es dauerte nun über zwei Jahre bis zum Rohbauende. Dann noch einmal ein halbes Jahr für „den Rest“. Ich möchte hier keine detaillierte Baubeschreibung liefern, aber doch auf ein paar der Konstruktionsdetails hinweisen:
Die Holmgurte, konisch von 25x7 mm auf 8x4 mm auslaufend, sind durchgehend über den Knick aus acht Lagen Kiefer verleimt. In die Mitte kam noch eine Lage Kohleband. Doch dies sollte sich als gewaltiger Fehler herausstellen, denn durch diese Einlage ist der Holm nicht mehr elastisch. Deshalb brachen bei der ersten harten Landung auch gleich zwei Holmgurte. Die Endleisten (15x3 mm) und Hilfsholme (6x3 mm) entstanden ebenso aus Kieferlamellen.


Das Ergebnis eines langen Wochenendes: Der Hauptbeschlag für die Tragflächen.

Ein Scale-Oldtimer mit zeitloser Eleganz. Der Reiher begeisterte schon 1937 die Segelflugwelt mit der formschönen und eingestrakten Kabinenhaube. Die vom Konstrukteur Hans Jacobs realisierte Lösung stellte bis dahin eine der besten aerodynamischen Verkleidungen des Pilotensitzes dar.

Für die Rippen und Spanten wurde 3-mm-Balsasperrholz verwendet, das ich aus drei Lagen Balsa und zwei Lagen 25-g/qm-Glasgewebe mit Weißleim herstellte. Die Beplankung besteht aus 0,8- und 0,4-mm-Birkensperrholz. Die restlichen Beschläge und die Ruderhörner entstanden dann aus Alu-Profilen. Das Seitenruder wird mit zwei Drahtseilen auf Zug angelenkt. Neben dem Servo ist noch ein Entlastungspendel. Das Höhenruder wird mit einer Schubstange aus Holz bewegt, da diese die gleiche Längenausdehnung wie der lange Rumpf haben sollte. Gegen den Einbau der Servos direkt in das Leitwerk sprachen die langen Servolitzen und die Gewichtsbilanz.

Grundiert wurde der Rohbau mit Weiß eingefärbtem Nitrolack. Dann hieß es: schleifen, spachteln, schleifen, spachteln usw. Die offenen Rippen-Felder und die Ruder wurden mit Antikfolie bebügelt. Und das Abkleben der Rippenfelder und das Lackieren mit weißem DD-Lack (Matt) ergab die richtige Oldtimeroberfläche. Insgesamt trug diese Lackierung 780 g auf.
Den „Piloten“ erhielt ich von einem Modellflieger Freund, der Fliegerhut und die Haltegurte wurden von meiner Frau genäht. Die Haubenverglasung entstand aus zwei Lagen gezogener Kabinenhauben. Zufällig hatte eine Modellbaufirma die passende Größe im Sortiment. Aufgeschraubt ist die Verglasung auf einem Holzgerüst aus verleimten Kiefernholzstreifen. Die Aufkleber für die Kennung und den Namenszug fertigte mir ein Hersteller für Reklameschriften nach den Originalfotos. Auch der Cockpitausbau entstand nach diesen Fotos, lediglich die Instrumente sind zugekauft und wurden noch mit Ringen und Verglasung versehen.

Mit einigem Herzklopfen kam nun der erste Flug. Ein Versuch mit einem Gummikatapult an einem kleinen Hang brachte wegen des Modellgewichts von 8,2 kg und fehlendem Wind nur eine Rutschpartie. Besser ging es dann mit der Elektrowinde: aufbauen, ausrichten, Fläche in die Stützgabel und abspannen mit drei dünnen Paketgummis über das Seitenleitwerk und einem Erdnagel. Tief durchatmen, dann Vollgas! Das Seil spannte sich und als die Vorspannung groß genug war, rissen die Paketgummis und der Reiher hob schnurgerade ohne eine Korrektur ab. Bereits dieser erste Flug zeigte, dass der errechnete Schwerpunkt und die Einstellwinkeldifferenz, um die ich mir einige Sorgen gemacht hatte, stimmten.

Doch bei der Landung nach dem dritten Flug bekam die Freude einen gewaltigen Dämpfer: Ich flog den „Reiher“ in der Landekurve zu tief. Und als eine kräftige Windböe eine Tragfläche anhob, war ein hartes Aufsetzen nicht mehr zu vermeiden. Dadurch brachen ein Holmgurt einmal und der andere zweimal mit ganz kurzer Bruchstelle. Das war die Lehre daraus, dass sich steifes Kohlegewebe und elastische Kiefer nicht vertragen.
Eine Reparatur erschien zwar möglich, um aber auf Dauer volle Sicherheit zu garantieren, habe ich dem Bau neuer Tragflächen den Vorzug gegeben. Die noch vorhandenen Teile und die Helling werden dabei sehr helfen. Auch einige kleine Verbesserungen, vor allem beim Aufbringen der Beplankung lasse ich dabei gleich mit einfließen.
Ein so großer und umfangreicher Eigenbau ist ein ganz besonderes Erlebnis und nicht mit dem Bau eines Baukastenmodells zu vergleichen. Und meine Gedanken kreisen bereits um den nächsten Scale-Nachbau eines Segelflugzeuges.
Adolf Stärk

Auch beim Cockpit-Ausbau wurde Wert auf Detailtreue gelegt. Die Gestaltung erfolgte entsprechend dem Vorbild des OSC Wasserkuppe.



Die Holzbauweise des Reihers ist filigran. Sämtliche Einbauten im Cockpit, einschließlich der Komponenten für die Fernsteuerung wurden wegen der besseren Zugänglichkeit bereits in diesem Baustadium funktionsfähig eingebracht.


Das Modell ist eine Meisterleistung des klassischen Holzbaus. Die Holmkonstruktion war schon 1937 am Original aufgrund des dünnen Profils am Rumpfanschluss eine handwerkliche Herausforderung.


Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 3/2004

Das komplette Inhaltsverzeichniss 3/2004
Zur Heftbestelluwng bitte hier entlang.

© AUFWIND 2004