TEST

FVA-10 Rheinland

Ein handlicher ARF-Oldtimer von Lindinger

 

Oldtimer-Segler als ARF-Modelle sind wahrlich nicht viele auf dem Markt. Umso überraschter war ich, als die Pressemitteilung des österreichischen Versenders Lindinger auf meinem Schreibtisch landete, dass nun ein lediglich 2,8 Meter großes Modell des Knickflügel-Oldtimers „FVA-10 Rheinland“ in ARF-Ausführung angeboten wird. Und das auch noch zu deutlich unter 200,- Euro. Na, das wollte ich mal mit eigenen Augen sehen.

Doch vorher schnell mal nach dem Original gegoogelt: Entwickelt wurde der Segler bereits 1937 von Felix Kracht. Das ganz in Holz aufgebaute Flugzeug hatte 16 Meter Spannweite und wog rund 240 Kilogramm. Felix Kracht gelang damit am 30. Mai 1937 erstmals der vollständige Überflug der Alpen in ei-nem selbst konstruierten Segelflugzeug. Der Pilot gilt außerdem als einer der Väter bei der Gründung von Airbus Industries und war von 1970 bis 1981 deren erster Produktionsdirektor und technischer Leiter in Toulouse. Seine „FVA-10 Rheinland“ steht heute im Segelflugmuseum auf der Wasserkuppe.

Zurück zum Modell: Hergestellt wird das Modell von Planet-Hobby. Der Lieferumfang beinhaltete die bereits aufgebauten Tragflächen und Leitwerke in Holzbauweise, bebügelt mit weißer Folie. Der weiße GFK-Rumpf war bereits mit allen Spanten, Steckungen und Verschraubungen ausgebaut und glänzend lackiert. Leider war er aber auch sehr spröde und spiegelte nicht gerade das wider, was man hochqualitative GFK-Bauweise nennen könnte. Doch irgendwie muss sich ja der Preis des Modells erklären. Unterm Strich aber ein absolut funktionstüchtiges Produkt.

In nur wenigen Stunden konnte der Segler anhand der bebilderten Anleitung aufgebaut werden. Die Zubehör- und Ausstattungsteile waren alle gut zu verwenden. Es lagen sogar 250 Gramm Blei dabei, die für den Schwerpunkt unbedingt erforderlich sind und von Beginn an so weit vorne wie möglich in dem Rumpf verbaut werden müssen. Großartig geändert werden musste beim Aufbau des Modells eigentlich nichts. Lediglich der Befestigungsdübel des kleinen Seitenleitwerks wurde von 6-mm-Stahl in 6-mm-Kohle getauscht, um so das Gewicht am Rumpfende verringern zu können. Und die Befestigung der Kabinenhaube wurde von Gummiband auf Magnet umgebaut. Alles andere wurde direkt von der Anleitung übernommen. Darüber hinaus benötigten die dem Modell beiliegenden Störklappen aus Kunststoff noch einen Streifen 1,5-mm-Balsaholz als Deckel – aber das war es dann auch. Ungewöhnlich aber durchaus praktikabel gelöst hat der Hersteller die Tragflächensicherung: In jeder Tragflächenhälfte werden Alubuchsen mit Klemmschraube eingelassen. In diese greifen im Rumpf durchgehende Stahldrähte. Also Flügel aufschieben, Inbusschrauben anziehen – Fertig.

Als Servos wurden sechs Stück „HS-65MG“ von Hitec/Multiplex eingebaut, die in punkto Größe und Leistung optimal für dieses Modell sind. Auch Lindinger empfiehlt diese Servos für die Ausstattung. Ein betagtes „HS-81“ wurde noch dazu gebaut, um die Schleppkupplung zu bedienen. Denn mit der „FVA-10 Rheinland“ sollte wieder der Elektroschlepp praktiziert werden. Zum Auswiegen des Modells mussten zusätzlich zu den 250 Gramm mitgeliefertem Blei noch 120 zusätzliche Gramm eingeklebt werden. Platz ist dafür genügend vorhanden. Ein 2s-LiPo-Akku mit BEC-Schaltung zur Stromlieferung und ein „AR-500“-Empfänger von Spektrum fanden dann auch noch Platz.

Mit exakt 1.833 Gramm Fluggewicht – der Hersteller gibt 1.400 bis 1.600 Gramm an – lag der kleine Segler nun für das sich ankündigende Herbstwetter bereit. Zum Erstflug ging es gleich hinter den in AUFWIND 6/2009 vorgestellten „Elektro-Trainer S“ von Graupner. Die Tragfläche wurde mit der Fußspitze waagerecht gehalten und schon gab „Stephan der Schlepper“ Gas. Langsam ruckelte das Gespann los und nach nur wenigen Metern waren erst die „Rheinland“ und dann auch der Schlepper abgehoben. Im sanften Steigflug ging es auf Höhe. Ein wenig unruhig hing die „Rheinland“ hinter dem „Elektro Trainer“ und kippelte von einer Flächenspitze auf die andere. Erst ein paar Zacken Tiefenrudertrimm beruhigten das Ganze. Dann ging es beständig weiter auf Höhe. Nach zwei vollen Runden um den Platz hieß es: ausklinken und lossegeln! Wunderbar ruhig und mit einem herrlichen Knickflügler-Flugbild lag das Modell in der Luft. Die Ruderwirkungen waren einwandfrei. Lediglich die Querruder hatten ein unerwartet starkes Schiebemoment zur Folge, trotz bereits 50 Prozent Differential. Hier war also Kurvenfliegen mit viel Seitenrudereinsatz gefragt. Langsam wurde die Höhe abgeglitten. Ein Test der Störklappen zeigte, dass deren Wirkung kräftig, aber nicht übertrieben ist. Die erste Landung mit nur teilweise ausgefahrenen Klappen gelang dann auch auf Anhieb und der schöne Segler rollte bis vor meine Füße. Wunderbar!

Der zweite Start klappte gleich perfekt: Schnurgeradeaus folgte das Modell dem kleinen Schlepper. Ebenso problemlos der anschließende Segelflug. Zur zweiten Landung wurde dann etwas höher angeflogen und die Klappen mussten komplett ausgefahren werden. Direkt aus dem steilen Sinkflug auf dem Rad aufgesetzt rollte das Modell noch ein paar Meter. Doch war da nicht ein „Knacks!“ zu hören?

Nachdem der Schlepper seinen LiPo nachgeladen hatte sollte es zum dritten Schlepp des Tages gehen. Doch irgendwie wollte sich das Gespann kein Stück mehr in Bewegung setzen. Wie festgenagelt standen die beiden Modelle auf der Wiese. Was war los? Die Ursachenforschung auf der Rumpfunterseite des Seglers ergab, dass die Sperrholzhalterung des Landerads gebrochen war und das Rad damit gegen die hintere Kante des Rumpfausschnitts gedrückt wurde, mit 100 Prozent Bremswirkung! Zur Reparatur des kleinen Teils musste das Seitenruderservo ausgebaut werden. Dies und das Einkleben einer kleinen Kiefernholzverstärkung war in der heimischen Werkstatt eine Sache von 30 Minuten.

Auch bei weiteren Flügen in den Wochen bis zum Wintereinbruch zeigte sich die „FVA-10 Rheinland“ von ihrer besten Seite. Aus Schlepphöhen von rund 250 Metern wurden Absegelzeiten von bis zu sechs Minuten erreicht. Geschleppt wurde nun aber mit der kräftigeren „Piper Super Cub“ von Krick. Im Segelflug muss man die „Rheinland“ laufen lassen, so will sie es nun mal! Ein langsames Herumkrebsen quittiert das Modell mit schlechter Gleitleistung, einem schiebenden Flugverhalten und im Extremfall mit einem tiefen Abtauchen einer Tragflächenspitze sowie einigen Metern Höhenverlust. Das Flugbild aber ist wunderschön und lässt Pilot und Betrachter gleichermaßen ins Schwärmen kommen. Der Autor und Fotograf Bertram Radelow flog den handlichen Knickflügler an den Wintertagen auf dem Davoser See und steuerten schöne Bilder bei.

Nun kann ich es kaum erwarten, dass es endlich wieder Sommer wird und ich die „FVA-10 Rheinland“ in die badischen Thermikbärte schicken kann.

Philipp Gardemin
Bilder: Philipp Gardemin, Bertram Radelow


Der GFK-Rumpf wird vom Hersteller komplett und sehr aufwendig ausgebaut


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Die Flügelspitzen dürften aus aerodynamischer Sicht wohl schmäler nicht sein. Die Qualität der Bügelarbeit ist nicht zu bemängeln


Stellvertretend für die saubere Bügelarbeit und die Vorbereitung des Modells: Seitenruder und -leitwerk

Fakten

„FVA-10 Rheinland“

Spannweite: 2.800 mm
Länge: 1.230 mm
Gewicht: 1.833 g
Fläche: 35,9 qdm
Flächenbelastung: 51,04 g/qdm

Ruderausschläge:
Höhenruder: +/- 12 mm
Seitenruder: l/r 30 mm
Querruder +8/-15 mm
Schwerpunkt: 63 mm

Preis: 159,- Euro; Bezug bei Lindinger,
Tel. +43/7582/81313-0, www.lindinger.at


Der Kleinteilesatz mit Landerad und 250 Gramm Trimmblei. Die Holzteile sind allesamt lasergeschnitten


Die doppelstöckigen Landeklappen bestehen aus Kunststoff, laufen leichtgängig und zeigen hervorragende Wirkung


Flugleistungen und -eigenschaften sind ohne Fehl und Tadel. Der Gleitweg zur Landung lässt sich einfach regulieren


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Weißer Segler auf weißem Grund: Bertram Radelow flog das Modell auf dem Davoser See

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