Ich habe schon seit vielen Jahren gute Erfahrungen mit dem Aufbleien von Serienseglern gemacht, denn für unsere Steilküsten haben die meisten Serienkonstruktionen zu wenig Flächenbelastung. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass man durchaus mit sehr viel Ballast dynamischer und damit besser fliegen kann. Die Grundgeschwindigkeit steigt nahezu proportional zum Gewicht und die Flugeigenschaften bleiben annähernd gleich. Bei den meisten Modellen konnte ich größenbedingt nicht genug aufballastieren, obwohl die Flugeigenschaften es durchaus zugelassen hätten. Schade eigentlich, denn man muss gerade da aufhören wo die Modelle "abgehen wie Raketen".

Vor einem Jahr dann habe ich bei Ebay einen kalifornischen High-Speed-Segler ersteigert: "Rodent" sieht nicht nur extrem schnell aus, sondern ist es auch. Er lässt sich auf Grund der Konstruktion sehr schwer machen. Das Flugbild hat mich begeistert. Dann fiel mir eine kleine Anzeige mit einer unscheinbaren Abbildung eines sehr ähnlichen Flugzeuges auf: Eine Anfrage beim Hersteller Modelltechnik Richter war sehr erfolgreich. Es handelte sich tatsächlich um eine verbesserte und sehr ähnliche Konstruktion namens "Rudi".

Es handelt sich um ein Fertigmodell in Kunststoff-Bauweise. Die Tragfläche ist einteilig und hat eine enorme Oberflächenhärte. Das Profil ist speziell für das Modell auf sehr hohe Geschwindigkeiten bis zu 270 km/h konstruiert worden. Der stachelartige Rumpf hat eine extrem spitze Nase und ist ausgelegt für sehr viel Ballast. Die einzige Öffnung ist die Tragflächenauflage. Das Höhenruder ist aufgebaut wie die Tragfläche. Zur Montage muss nur noch die RC-Anlage eingebaut werden, denn die Höhenruderanlenkung ist bereits im Seitenleitwerk eingebaut. Für die RC-Anlage jedoch ist im Rumpf kaum Platz. Circa ein Drittel der Rumpflänge benötigt man für den Ballast. Da dieser genau im Schwerpunkt liegt, hat man nur sehr wenig Platz davor und dahinter. Man muss sehr wohl überlegen, in welcher Reihenfolge man vorgeht. Der Stahlballast wird durch einen speziellen GFK-Schacht im Rumpf platziert. Da die Öffnung im Rumpf sehr klein ist, ist der Ballast in fünf gleich große Stücke aufgeteilt. Die Stahlklötze wiegen jeweils 280 g, also insgesamt 1,4 kg Ballast. Für ganz harte Jungs gibt es auch Blei-Ballast, welcher dann 2,1 kg wiegen soll. Die obere Tragflächenabdeckung wird durch einen Bowdenzugstahl fast unsichtbar von ganz hinten verriegelt. Als RC-Komponenten benötigt man schon Miniteile: Drei Graupner-Flächenservos C-3341, einen Mikroempfänger Multiplex IPD und einen vierzelligen 1700-NiMh-Akku. Das ist alles.


Die GFK-Teile sind sauber gefertigt und wirklich hochfest. Über dem Rumpf ist der mitgelieferte Ballast zu sehen

InfoBox

Bezug:
Modelltechnik Richter,
Gartenstraße 8,
95336 Mainleus,
Tel.: 09229/979201,
Fax: 09229/979202


Auf zur fröhlichen Ballastierung. "Rudi" ist ganz schön gefräßig: Bis zu 2,1 kg Blei gehen rein!

In der Nacht vor dem Dänemark-Urlaub habe ich den Rudi nach zwei Tagen Montagezeit fertigbekommen. Es sollte sich lohnen. Bei anfänglich schwachen Winden und ohne Ballast fliegt der Rudi wie ein normaler Hangsegler. Schon ab drei Windstärken kann man am Hang "entlang schleichen". Die exakte Schwerpunktlage vom Hersteller hatte sich hier schon als goldrichtig erwiesen. Der provozierte Strömungsabriss hat mich nicht überrascht und das Vertrauen war schnell da. Die Ausschläge für Querruder und Höhenruder habe ich wie üblich auf ein Maximum eingestellt. Die Querruder werden zur Landung nur halb nach oben eingestellt, so dass man beim Endanflug noch sicher steuern kann. Die Höhe wird wegen der relativ hohen Geschwindigkeit trotzdem noch gut abgebaut.

In den nächsten Tagen nahm der Wind zu und bei sechs bis sieben Windstärken wurde dann "volles Rohr" gegeben. Wie zu erwarten machte der Rudi keine Unartigkeiten. Nach dem Start muss Schwung geholt werden, d. h. im besten Aufwindbereich bleiben und die Wenden ohne viel Energieverlust fliegen. Erst nach ein paar Schleifen erreicht der Rudi Top-Speed. Dieser ist wirklich sehr beachtlich und wird dann auch nicht mehr so leicht abgebaut. Endlos erscheinende Turns schießen mir das Adrenalin in den Kopf. Solch eine Flugdynamik habe ich bislang noch nicht gesehen. Im starken Aufwind sind drei bis vier senkrecht aufwärts geflogene Rollen möglich. Loopings haben einen gigantischen Durchmesser! Meine Lieblingsfigur sind nach oben gezogene, ovale Loopings. Fliegt man diese "Nullen" mehrmals hintereinander so hat man den Eindruck, dass der "Rudi" jedes Mal ein Stückchen höher fliegt. Der "Rudi" pfeift dabei nur sehr leise. Die Rollgeschwindigkeit ist sehr hoch und Vier- oder Acht-Zeiten-Rollen gelingen somit sehr elegant.

Die Landegeschwindigkeit ist für ungeübte extrem hoch. Ich wurde mehrfach schon gefragt, ob ich das Modell absichtlich in den Boden gestochen habe. Oder ob ich vergessen habe, das Modell abzufangen. Dem ist nicht so! Der Rudi kann einfach nicht langsam fliegen. Die Minimalgeschwindigkeit liegt schätzungsweise bei 60-70 km/h. Es ist darauf zu achten, dass der Rudi beim Aufsetzen waagerecht liegt. Ideal ist hochgewachsenes Gras. Dieses stoppt das Modell zwar abrupt ab, aber durch die sehr stabile Konstruktion bleibt so alles heil. Es ist schon ein Erlebnis, ein so pfeilschnelles Teil kurz danach wieder wohlbehalten zu den normalen Modellen zu legen.

Modelltechnik Richter hat mit dem Rudi ein sehr ausgewogenes und einzigartiges Speedmodell auf den Markt gebracht, welches nicht nur rassig aussieht, sondern auch so fliegt.

Achim Behrend


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