Segelflug

Schweizer Klassiker

„Salto H-101“ von Classic Modell



„Der Konstruktööör hat sich schon etwas gedacht, aber nicht genuuug!“ Dieser seinerzeit geflügelte Satz eines unserer Professoren, vorgetragen in gepflegtem „Hoch-Schwäbisch“, kam mir wieder in den Sinn, als es darum ging, die Eindrücke über mein erstes ARF-Modell aus chinesischer Fertigung zusammenzufassen. Der Satz ist eigentlich nicht wörtlich gemeint, denn vielleicht sollte die Kritik, zu der wir später noch kommen werden, weniger den Konstrukteur treffen, als eher die Verantwortlichen für die Fertigung. Nicht, dass es sich um ein generell „schlechtes“ oder „schlecht fliegendes“ Modell handeln würde. Nein, im Gegenteil. Nur vor die nachhaltige Freude daran haben die Götter einige Erfahrungen und Extraarbeit gesetzt. Der „Salto H-101“ der Firma FlyFly Hobby, im Vertrieb von Classic-Modell, in der Schweiz schon direkt nach der Sinsheimer Messe 2008 erhältlich, ist ein kompaktes ARF-Modell mit einer Spannweite von 268 cm und einem Preis in der Größenordnung von 170,- Euro. Nicht zuletzt dieser Preis macht das Modell auch sehr attraktiv für den weniger geübten, vielleicht gerade auch jungen Modellbauer, der von der Annahme ausgeht, kostengünstig und zügig zu einem hübschen, handlichen Segler zu kommen. Zunächst einmal kommt das Modell sehr gut verpackt beim Kunden an und der erste Eindruck beim Auspacken ist soweit gut: Ein weiß lackierter GFK-Rumpf mit eingeharzten Sperrholzspanten hinter der Tragfläche und im Cockpitbereich einschließlich Servobrett und Halterung für das bereits eingebaute (!) Rad. Dazu sehr grifffeste Tragflächen und Leitwerke in Holm-Rippen-Bauweise, voll beplankt und mit weißer Folie, einschließlich Klappen, bebügelt. Falten müssen eben mal nachgebügelt werden, worauf die Anleitung auch hinweist. Die Flächensteckung mit einem 10-mm-CFK-Stab passt auf Anhieb und die Bohrungen für die zusätzlichen Pass-Stifte sitzen auch präzise. Schön auch, dass die rumpfseitigen Anformungen für Tragflächen und Leitwerke beim Laminieren mit Balsahilfsrippen als Lochverstärkung und Klebefläche aufgedickt wurden. Schnüre in den Tragflächen erlauben das rasche Einziehen der Kabel zu den Querruderservos. Zu guter Letzt ist der Beutel mit Beschlagteilen sehr umfangreich bestückt. Lediglich die großen Ruderhörner aus schwarzem (!) Kunststoff mögen optisches Missfallen erregen. Bemerkenswert ist dann noch der große Dekorbogen mit Schweizer Kennungen und die „Bauanleitung“, bestehend aus einem A3-großen Blatt mit perspektivischer Modellzeichnung und Piktogrammen, in denen einzelne Bauschritte mit engli- scher Beschriftung angedeutet sind. Der Schwerpunkt ist angegeben, nicht aber die Einstellwinkeldifferenz oder Ruderausschläge. Weniger Begeisterung wecken erst einmal die Bowdenzughüllen zum V-Leitwerk. Das Material hat eine „Steifigkeit“, die eher einem Kraftstoffschlauch ähnelt. Die als Bowdenzüge bereits eingezogenen 1-mm-Drähte lassen sich darin nur schwer bewegen. Die Endleisten der Tragflächen und Leitwerke sind unbeschliffen und bis zu 2 mm dick und die aufwändig laminierte Cockpitwanne macht zunächst den Eindruck, als wäre sie überhaupt nicht oder nur mit großem Aufwand anpassbar. Die Kabinenhaube ist hinreichend steif und in ihrem Randbereich bereits weiß lackiert (...ein prima Service!) Beim Zuschnitt sollte man sich allerdings nicht von vorneherein auf die angedeutete Sicke verlassen. Die tiefgezogenen Servoabdeckungen für die Tragflächenservos, auf denen laut Anleitung die Servos direkt mit Doppelklebeband befestigt werden sollten, sind ebenfalls sehr weich und aus dickem Material. Das lässt niemals einen präzisen Querruderausschlag erwarten. Wenden wir uns Messbarem zu: Aus dem Karton wiegen der Rumpf 426 g, die Tragflächen je 430, beziehungsweise 412 g, beide Leitwerksteile zusammen 97 g, Kabinenhaube und -wanne 60 g, das Zubehör 50 g und der CFK-Verbinder 60 g. Damit bringt der Salto ohne RC-Ausrüstung rund 1.530 g auf die Waage, was auf ein Gesamtgewicht von über 2.000 g hindeutet. Daraus lässt sich eine forsche Fluggeschwindigkeit vermuten und den Hang als das hauptsächliches Einsatzgebiet. Selbstverständlich lässt sich dies Modell auch in der Ebene per F-Schlepp fliegen. Dabei sollte jedoch in Betracht gezogen werden, dass Schlepp- und Flughöhen von wesentlich über 200 Metern wegen der geringen Modellgröße stark von der Sehfähigkeit des Piloten und vor allem auch von den Sichtbedingungen abhängen. Für Hochstarts müssten sinn- vollerweise zwei Haken seitlich am Rumpf angebracht und entsprechend eine „Y“-Verbindung zur Leine hergestellt werden. Die „klassische“ Hakenposition würde mit dem Rad kollidieren und in der Startphase ein zu großes aufrichtendes Moment auf das Modell ausüben. Nach Baubeginn am Leitwerk wurde ein weiterer Mangel sichtbar. Die Bauanleitung schlägt vor, die Leitwerkshälften mit dem Rumpf fest zu verkleben und dabei die Klebestellen sowohl mit zwei 4-mm-Alustiften, als auch einem Sperrholzdübel zu verstärken. Die Bohrungen, beziehungsweise Öffnungen hierfür sind in den Leitwerksteilen und im Rumpf vorhanden, beziehungsweise in der Laminierform markiert. Beim provisorischen Anpassen zeigte sich auch ohne Vermessung, dass die Einstellwinkeldifferenz beider Hälften zur Tragfläche deutlich ungleich war. Eine folgende, grobe Messung ergab für rechts etwa 2° und links deutlich mehr. Nacharbeit an dieser Stelle war also unumgänglich. Ein Blick in das Innere der Leitwerke ergab, dass nicht nur die Wurzelrippe Bohrungen für die oben genannten Stifte aufwies, sondern auch die zweiten Rippen, und damit waren perfekte Voraussetzungen für den Einbau einer Leitwerkssteckung gegeben. Also 4-mm-Ms-Rohr in den Leitwerken, 3-mm-Stahldraht, an der Klebestelle zum Rumpf mit einer kurzen Muffe auf die vorgegebenen 4 mm aufgedickt. Dann, nach entsprechender Nacharbeit auf der linken Rumpfseite mit Abstimmung auf etwa 2° wie rechts, mit einer einfachen „Helling“ durch die Öffnung für das Spornrad und eine zusätzliche Öffnung am Rumpfende eingeharzt. Dieser Umbau ist natürlich keineswegs notwendig, aber erforderlich ist in jedem Fall die Korrektur auf gleichmäßige Einstellwinkeldifferenz. Die vorbereitete Leitwerksanlenkung ist nicht nur wegen der weichen Bowdenzughülle und der Schwergängigkeit problematisch, auch die Führung im vorderen Spant nahe des Servobretts liegt so tief, dass sich nach den notwendigen Verbiegungen die Schwergängigkeit noch steigern würde. Nach einigen Versuchen habe ich eine sehr leichtgängige und spielarme Lösung gefunden. Nachdem zunächst die Austrittsöffnungen der Rohre mit einer runden Nadelfeile dem Verlauf angepasst waren, habe ich die Bowdenzughüllen zwischen den beiden vorderen Spanten abgeschnitten und wieder mit dem bekannten, weißen Außenrohr durch Einkleben mit Sekundenkleber verlängert. Mit den inzwischen eingebauten Servos ergab sich eine recht gerade Fluchtlinie für die Anlenkung von den Servos zu den Leitwerken, die den vorderen Spant oben berührt. Während der Fixierung der Bowdenzughülle (ebenfalls mit Sekundenkleber) wurde kräftig (!) nach vorne gezogen um die Hülle bestmöglich gerade zu strecken. Das gelang soweit gut. Allerdings musste ich dann noch die verbliebene Flexibilität der Anlenkung mit einer Sperrholzversteifung unter den Zügen und gegen den vorderen Spant beseitigen. Die restliche Bautätigkeit blieb dann Routine: Die Schleppkupplung, eine einfache Draht-im-Röhrchen-Lösung, fand ihren Platz an der Rumpfunterseite, etwa 7 cm hinter der Rumpfspitze. Die Querruderservos wurden eingeschrumpft und in die Fläche eingeklebt und die Abdeckung mit Klebefilm fixiert. Als Servos kamen vier GWS-„IQ-210“ von Hype zum Einsatz, die eine sehr angenehme Mischung aus Größe (13 mm) und Kraft bieten. Für den richtigen Schwerpunkt sorgen vier SC- Akkuzellen und 270 g Trimmblei. Das Gesamtgewicht betrug nun 2.288 g. Und dann war da noch die Sache mit dem Cockpit. Die Cockpitwanne ist ein laminiertes Formteil, das den Rumpfausschnitt überlappt und herstellerseitig keinerlei Passung hat. Die Bauanleitung deutet nur eine Wannen-Hauben-Verbindung mit doppelseitigem Klebeband an?! Also habe ich zunächst in Erwägung gezogen, entweder den überlappenden Wannenrand abzufräsen oder einen neuen einfachen „Kabinenboden“ aus Holz zu laminieren. Beides wäre arbeitsaufwändig und wurde vollends überflüssig, als sich heraus stellte, dass man die Kabinenhaube ohne weiteres über die Wanne kleben kann. Das ergab zwar keine übliche, aber eine optisch ganz akzeptable Lösung. Zum Bau abschließend noch eine Bemerkung: Die Flächensteckung erfolgt über einen 10-mm-CFK-Stab, der bei hoher Belastung aufgrund von Kerbwirkungen im Flächen-Rumpf-Übergang bruchgefährdet sein kann.

    


Mit seinen knapp 2,7 Metern Spannweite ist dieser „Salto“ ein handliches Alltagsmodell.


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Der erste Eindruck beim Modell nach dem Auspacken war sehr gut. Er wurde später leicht getrübt.


Die sauber eingeklebten Spanten und Bretter im Rumpf fallen positiv auf. Hier sind auch die störrischen Bowdenzugrohre gut zu sehen.



Die Kabinenhaube kann ohne weiteres über die Cockpitwanne geklebt werden. So ergibt sich eine saubere Lösung.

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Als Servos kommen vier GWS-„IQ-210“ von Hype zum Einsatz. Sie bieten eine sehr angenehme Mischung aus Größe (13 mm) und Kraft.


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Es sind die Rumpfrundungen, die den „Salto“ so beliebt machen.

Fakten

„Salto H-101“
Ein Semi-Scale-Modell aus der Schweiz

Spannweite: 2.680 mm
Rumpflänge: 1.180 mm
Gewicht: 2.288 g
Fläche: 36,4 qdm
Flächenbelastung: 62,8 g/qdm
Profil: E-207
Ruderausschläge:
Höhenruder: +10/-8 mm Expo 20 Prozent Seitenruder: +13/-11 mm
Querruder: + 8/-17 mm Expo 43 Prozent
Bremse: Querruder -17 mm
Tiefenruder: 8 Prozent
Preis: ???,- Euro

Bezug bei Classic Modell
Tel. +41/56/6101644
www.classicmodell.ch

 

 

Dies wird bei diesem Modell zumindest teilweise vermieden, indem beidseitig nicht die üblichen Messingrohre, sondern etwas rückversetzte GFK-Rohre zur Aufnahme verwendet werden. Rumpfseitig gibt es zwar die Laminatkante (die angefast werden kann), aber flächenseitig bietet die Wurzelrippe aus Sperrholz einen relativ weichen Übergang. Der bisherige Flugbetrieb gab aber keinen Anlass zu diesbezüglichen Problemen. Die ersten Flüge fanden an einem idealen Tag statt: Sonne, einige weiße Wolken und wenig Wind. Obwohl die ersten Starts zunächst der Findung passender Ruderausschläge dienen mussten, verliefen sie problemlos. Die Fluggeschwindigkeit war erwartungsgemäß zügig. Damit reizt das Modell eher zum Herumturnen als zum ruhigen Fliegen. Einfache Kunstflugfiguren, wie Rollen und Loopings, sind gut zu fliegen, wobei jedoch für die „ganz große Kunst“ der Durchzug fehlt. Kräftiges „Anstechen“ wurde geübt, allerdings nicht der Viereckloop aus 300 Meter Sturz – die CFK-Steckung lässt grüßen. Andererseits sind die Tragflächen in sich sehr steif, eine nennenswerte Durchbiegung oder auch Flatterneigungen habe ich nicht beobachtet. Es geht aber auch anders! Meinen Vorlieben folgend habe ich natürlich auch den Thermikflug erprobt, das Erstflugwetter war hierfür hinreichend geeignet. Es zeigte sich, dass das Modell gut im Kreisflug zu halten ist – wenn man genügend Fahrt beibehält!

Damit wird der Kreisradius deutlich größer als bei anderen Modellen dieser Größenordnung und damit muss auch eine etwas größere Aufwindfläche vorhanden sein. Ich konnte den „Salto“ über zehn Minuten, auch ohne das sonst unvermeidliche Vario, in geschätzten 200 Metern Höhe halten. Hier aber beginnt dann schon der Kompromiss zwischen Höhe, Thermikdurchmesser und Sichtbarkeit. Zum Schluss waren alle Landungen mit hochgestellten Querrudern und etwas Tiefentrimm völlig problemlos. Der angegebene Schwerpunkt und die von mir ge- wählte Einstellwinkeldifferenz von etwa 2° waren über die gesamte Flugerprobung, die in der Ebene stattfand, ganz angenehm. Ich gehe aber davon aus, dass am Hang Schwerpunkt und EWD für noch mehr Beweglichkeit etwas weiter zurück genommen werden können. Zurück zum Anfang: Für günstiges Geld erhält man ein dem großen „Salto H-101“ gleichendes Modell, das allerdings für einen erfolgreichen und entspannenden Flugbetrieb sehr sorgfältig und spielarm angelenkte Ruder benötigt. An dieser Stelle ist Erfahrung im Fertigbau solcher Modelle gefragt, oder die Hilfe eines erfahrenen Freundes. So fertiggestellt, fliegt der „Salto“ ohne schlechte Eigenschaften. Sein Einsatzgebiet wird in erster Linie der Hangflug sein, wo der stabile Aufbau auch weniger gute Landungen erlaubt. Und damit ist auch angedeutet, wohin mein Salto dann eines Tages auswandern wird.

Herbert Eberbach



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