TEST

Doppelt stark

Die „Wolf Samson II“ von Hyperion

 

Auf der Faszination Modellbau in Friedrichshafen im November 2008 präsentierte Hyperion erstmals den Prototypen dieses faszinierenden Kunstflugdoppeldeckers. Nach dem Hyperion-Flugtag in Dietlingen am 2. Mai, auf dem auch die „Wolf Samson II“ vorgeflogen wurde, war mir klar, dass ich diesen Doppeldecker haben wollte!

Das Original „Pitts Samson“ wurde 1948 von Curtis Pitts für den Kunstflugpiloten Jess Bristow konstruiert und gebaut. Das erste Flugzeug stürzte 1950 ab und wurde erst 35 Jahre später von Wolf Aircraft (www.wolfpitts.com) nachgebaut. Auf vielen Flugshows zeigte der Doppeldecker seine guten Flugeigenschaften, die durch Steve Wolf nach und nach weiter verfeinert wurden. Unter anderem wurden bei der „Wolf Samson II“ nun auch alle vier Querruder angelenkt, um so eine verbesserte Rollrate zu erreichen. Der 600 PS starke „Pratt & Wittney“-Sternmotor tat natürlich sein Übriges für eine exzellente Performance. Direkt beim Hersteller liest sich das so: “The Samson II will out climb and out perform any biplane out there and with it's beautiful round engine sound you will be the hit in any Airshow.” Angeboten wird das Flugzeug übrigens für schlappe 495.000 Dollar.

Zurück zum Modell: Viele technische Details wurden von Hyperion übernommen. So werden, die sich über die gesamte Tragfläche erstreckenden vier Querruder, auf jeder Seite von je einem, in der unteren Fläche verdeckt eingebautem Servo, angesteuert. Das ergibt eine hervorragende Kontrolle um die Längsachse und eine exorbitant hohe Rollrate. Letztere wird unterstützt durch die Tragflächen völlig ohne V-Form. Die original „Wolf Samson II“ wird mit unterschiedlichen Kabinenhauben angeboten. Hyperion hat sich beim Modell für die optisch sehr schöne Doppel-Kabinenhaube entschieden und das Cockpit zudem etwas ausgebaut. Dieses und viele andere Details, wie zum Beispiel die Sternmotor-Attrappe, die Fahrwerksverkleidung oder die schöne Motorhaube, tragen zur Wertigkeit des Modells bei. Im Lieferzustand sind Rumpf, Tragflächen und die Leitwerksteile separat verpackt und die bereits sehr sauber lackierte Motorhaube ist durch viel Papier geschützt. Eine Unmenge von Kleinteilen, insgesamt 500 Gramm, macht die Ausstattung komplett. Auch die große Kabinenhaube mit abnehmbarer Abdeckung, die sich bis zum Motorspant erstreckt, ist bereits lackiert und ermöglicht den einfachen Eingriff zum Wechseln des Akkus. Die Haubenverriegelung ist, ebenso wie alle Einschlagmuttern zur Befestigung der Flächen, der Flächenstreben und des Fahrwerks, werksseitig eingesetzt. Der Hersteller gibt eine Motorisierung ab 5s-LiPo an. Obwohl es eigentlich sinnvoller ist, mehr Spannung als Strom mitzunehmen, wollte ich doch zunächst eine „Light“-Variante mit 5s-LiPo testen.

Die Endmontage des Modells geht in gewohnter Weise, wie bei qualitativ hochwertigen ARF-Bausätzen nicht anders zu erwarten, recht einfach von der Hand. So besteht beispielsweise der Baldachin für die obere Tragfläche aus bereits gebogenen und rot lackierten Aluminiumstreben, die mit dem Rumpf innen verschraubt werden mussten. Die dafür vorgesehenen Einschlagmuttern waren bereits im Rumpf eingesetzt. An der Gegenseite, also auf der Unterseite der oberen Tragfläche, waren Vertiefungen vorhanden, in die die abgekröpften Streben passten. Auch dort waren bereits Einschlagmuttern eingesetzt. Die Flächenstreben aus bebügeltem Sperrholz besitzen Aussparungen für die Aluminiumlaschen, die in der Tragfläche vorhandenen Taschen eingeklebt wurden. Ebenso einfach ließ sich das zweiteilige und schwarz lackierte Alufahrwerk montieren. Die ausgesparte Verkleidung wurde einfach draufgeklebt und die Räder und Radschuhe ließen sich einfach montieren.

Dem rechtwinkligen Einkleben der Leitwerke war nun besondere Aufmerksamkeit zu schenken, denn nicht immer sind die Schlitze dafür auch wirklich rechtwinklig. Bei meinem Modell musste ich minimal auf einer Seite nachfeilen. Eingeklebt habe ich die Leitwerke dann mit einem PU-Kleber, der den minimalen Restspalt sauber aufgefüllt hat. Austretenden Kleber konnte ich problemlos von der vorher leicht gewachsten Folie entfernen.

Die Höhenruder wurden über einen bereits vorgebogenen Stahldraht miteinander verbunden, die Anlenkung erfolgt einseitig. Der Verbindungsbügel ist ausreichend dimensioniert, um die Torsion vom angelenkten Ruder aufs andere zu übertragen. Alle Ruder wurden mit Vliesscharnieren gelagert. Ich klebe diese Scharniere mit PU-Kleber ein, da dieser die Spalten ausfüllt und die Scharniere selbst nicht verspröden lässt.

Der RC-Einbau war dann auch keine allzu große Herausforderung: Hyperion schlägt 56 Gramm schwere Standardservos aus dem eigenen Programm vor. Die Servos der „DES“-Reihe von Graupner scheinen baugleich zu sein und sind zudem noch etwas günstiger. Also kam als Seitenruderservo ein „DES-708BBMG“ und ebenso eines als Höhenruderservo zum Einsatz. Letzteres wurde direkt unter dem Seitenruder in den Rumpf eingesetzt. Um hinten leichter zu werden, habe ich es später noch gegen ein halb so schweres Exemplar „DES-676BB“ getauscht. Auf einen Empfängerakku wurde aus Gewichtsgründen verzichtet. Die Spannungsversorgung kommt direkt aus dem BEC des YGE-Reglers, wobei wir schon bei der Motorisierung wären. Für die Motorisierung entschloss ich mich kurzerhand zu einem Eigenbau: Aufgebaut auf einem „T-Rex“-Stator von Flyware entstand ein 400 Gramm leichter Motor, der eine 18x10“-Dreiblatt-Luftschraube bekam. Hyperion empfiehlt den firmeneigenen neuen „ZS-4025“, der mit Akkus von 5s bis 8s geflogen werden kann.

Je öfter ich nun die riesige Motorhaube in den Fingern hatte, desto mehr kam mir der Gedanke, den Motor dort direkt zu montieren. Zumal ja mit der tiefgezogenen Sternmotorattrappe eigentlich eine vorzügliche Form für einen Motorspant in Sternmo­- torform vorhanden war. Kurzerhand wurde diese mit Trennwachs präpariert und mit drei Lagen Kohlegewebe 120 Gramm/Quadratdezimeter abgeformt. In die Mitte kam der passende Motorspant aus Sperrholz mit der vorbereiteten Schräge für Sturz und Seitenzug hinein. Nachdem alles ausgehärtet war, hab ich die Zwischenräume zwischen den Zylindern mit dem Fräser freigearbeitet. Die Motorattrappe wurde nun noch silberfarben lackiert – jetzt sah das schon wie ein echter Motor aus. Dieser Motorspant passte nun auch exakt von innen in die Motorhaube und wurde von mir mit ein paar Punkten Silikon von innen eingeklebt. Die Motorhaube selbst hat einen Ringspant zur Befestigung am Rumpf und wird mit vier Schrauben im Rumpfinneren mit dem Rumpf verschraubt. Um es vorweg zu nehmen: Bis jetzt hält alles vorzüglich und der Sound beschränkt sich auf den Wind, den die Luftschraube macht. Nachdem der ursprünglich vorgesehene Motorspant nun nur noch als Akkuhalterung gebraucht wurde, konnte ich es nicht lassen und habe 74 Gramm überflüssiges Holz entfernt, den Schacht vorne gekürzt und wieder mit einem Stück Sperrholz verschlossen.

Ein „YGE 80“-Regler mit BEC bis 6s-LiPo formt die vom 5s-Akku gelieferte Spannung so um, dass der Motor die große Luftschraube mit 6.000 Umdrehungen dreht.

Nach dem obligatorischen Auswiegen und den ersten Strommessungen war es dann so weit: Am Flugplatz angekommen wurden zuerst die 14 Befestigungsschrauben zur Befestigung aller Teile verschraubt. Damit keine vergessen werden kann, habe ich eine Dose ohne Ersatzschrauben! Wenn die Dose leer ist, ist alles korrekt montiert. Dann wurde auch schon der Akku eingesteckt und mit zwei Klettbändern gesichert. Ein erster Gasstoß ließ mich lockerer werden, denn Schub war auf Anhieb mehr als ausreichend vorhanden.

Mit mäßigem Gas beschleunigte der rote Doppeldecker. Das Höhenruder hielt ich dabei durchgezogen. Das Modell rollte direkt sehr spurtreu und hob nach etwa 40 Metern einfach ab. Dabei stieg es etwas zu steil nach oben, der Schub reichte aber sogar zum senkrechten Steigen. Erst in Sicherheitshöhe drückte ich etwas nach und mit viel Trimmung auf dem Tiefenruder flog die „Wolf Samson II“ waagerecht. Nach ein paar Eingewöhnungsrunden mit Halbgas drehte ich das Modell auf den Rücken. Dabei stieg es etwas weg, was mir sofort signalisierte, dass der Schwerpunkt zu weit hinten lag. Die erste Landung gelang auf Anhieb – tiefes Durchatmen und Freude über das schöne Modell waren nun Eines.

Für den zweiten Flug nahm ich den Reserveklotz aus dem Akkuschacht und schob den Flugakku noch mal um 50 Millimeter nach vorne. Das Wegsteigen im Rückenflug war nun behoben. Dafür ging die „Wolf Samson II“ noch etwas auf Tiefe im Messerflug. Der Tausch auf das leichtere Servo im Heck auf Höhe brachte dann mit der letzten Schwerpunktkorrektur ein beinahe neutrales Flugverhalten. Nach mehreren Flügen gab es noch ein unvorhergesehenes Ereignis: In einer Vierpunkt-Rolle in niedriger Höhe hätte ich das Modell beinahe verloren. Denn im dritten Viertel ließ es sich nicht mehr mit Seitenruder stützen und tauchte ab. Glücklicherweise konnte ich es noch weiterdrehen und abfangen. Nach der Landung war die Ursache schnell gefunden: Ein Ruderhorn am Seitenruder war aus dem Ruder gerissen. Da es sich um geteilte Ruderhörner handelt, kann dies passieren, wenn man die Spanndrähte zu sehr spannt. Ein neues Doppel-Ruderhorn aus einem Stück brachte dann die notwendige Sicherheit.

Nach nunmehr gut 20 Flügen kann ich nur noch so viel sagen, dass ich noch nie einen so neutral fliegenden Doppeldecker geflogen habe. Originalgetreues Fliegen mit großzügigen Aufschwüngen, lang andauernden Turns mit anschließendem Trudeln oder riesige Loopings machen wirklich Spaß. Torquen geht mit etwas Übung auch, will aber nicht so recht zu diesem schönen roten Doppeldecker passen. Erst nach sechs Minuten Kunstflug piepst der Wecker. Meistens gehen dann circa 3.800 Milliampere in die Akkus.

Direkt auf dem Flugtag in Dietlingen hat auch Egon Becker von Airmix einen Film über die „Wolf Samson II“ aufgenommen. Zu sehen ist er bei www.airmix.de.

Michael Schöttner
Fotos: Michael Schöttner, Liebetraut Paprotta, Philip Herzog


Es ist unverkennbar, dass Curtis Pitts seine Finger im Spiel hatte


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Das Modell ist in sauberer Holzbauweise aufgebaut und wird bebügelt geliefert


Die Ausstattung ist komplett und hochwertig

Fakten

„Wolf Samson II“ von Hyperion“

Spannweite: 1.463 mm
Länge: 1.339 mm
Gewicht: 3.780 g

Preis: 329,- Euro; Bezug im Fachhandel, www.hyperion-eu.com


Der Motordom ist bereits montiert und lässt sich auch problemlos übernehmen. Er passt exakt auf die meisten Außenläufer der empfohlenen Leistungsklasse


Die tiefgezogene Sternmotorattrappe wurde mit drei Lagen Kohlegewebe 120 Gramm/Quadratdezimeter abgeformt


Der Motor konnte dank der neuen Sternmotor-Attrappe direkt in der Motorhaube befestigt werden


Die große Motorhaube verleiht dem Modell ein bulliges Auftreten – vergleichbar mit einem amerikanischen Pick-up auf Deutschlands Straßen



Ausgedehnte und bodennahe Rückenflüge sind nur eine der vielen Paradedisziplinen des Modells



Zur Landung kann das Modell weit hereingezogen und stark verlangsamt werden


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Wer kann, der kann: Torquen ist kein Problem. Hier auf dem Hyperion-Flugtag in Dietlingen am 2. Mai 2009

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