TEST

Massentauglich

Der „Solo“-Nurflügel von Aeronaut

 

Zur Spielwarenmesse 2007 stellte Aeronaut den „Solo“ vor – erhältlich in Elektro- und Segelflugversion. Speedflugprofi Marcel Petrasch und Segelflugenthusiast Udo Fiebig haben die beiden Modelle näher betrachtet. Der Elektroflug-„Solo“: Nurflügler gibt es heute in allen verschiedenen Varianten. Ob aus Schaum, Holz oder Faserverbundwerkstoffen – sie faszinieren immer wieder durch ihr Flugbild und die guten Flugeigenschaften. Aeronaut hat seine Produktpalette um ein majestätisches Modell mit 1,8 Metern Spannweite vergrößert. Der Lieferumfang besteht aus zwei in Rippenbauweise erstellten und komplett verschliffenen Balsaholz-Tragflächenhälften, einem bereits eingefärbten GFK-Rumpf, Winglets sowie einigen Kleinteilen. Die Bauanleitung beschreibt die einzelnen Bauabschnitte ausreichend genau: Als Erstes müssen die Querruder mit einem Messer freigeschnitten und der dadurch entstandene Grat verschliffen werden. Für den Servoeinbau wird die Beplankung zwischen zwei Rippen mit einem scharfen Messer aufgeschnitten. Als Servo kann fast jeder Typ zwischen 10 und 30 Gramm verwendet werden. Im Testmodell arbeiten zwei 21-g-Exemplare mit Metallgetriebe von Dymond. Das zuvor heraus getrennte Stück Beplankung wird für die Abdeckung des Servos verwendet. Damit das Servohorn frei laufen kann, muss aus der Servoabdeckung ein Schlitz herausgeschnitten werden. Optimal kann man die Position des Schlitzes ermitteln, indem man das Servo in beide Vollausschlagspositionen bringt und jeweils den Deckel leicht aufpresst. So drückt sich der Punkt ab, an dem das Servohorn maximal vorne und maximal hinten ansteht. Nun kann man schön vom vorderen zum hinteren Punkt einen Schlitz schneiden. Zum Bespannen der Tragflächenhälften werden die Servos nach innen gefahren. Für die Querruderanlenkung wird je ein GFK-Ruderhorn mit 5-Min.-Epoxy eingeklebt und die Querruderanlenkung mit Gewindestangen und Gabelköpfen erstellt. Die Winglets müssen leicht verschliffen und auch noch bespannt werden. Der GFK-Rumpf ist dann für den Einbau der Komponenten bis auf die Flächenbefestigungsmuttern soweit komplett. Da mir die beiliegenden Plastikmuttern nicht gefielen, habe ich Einschlagmuttern verwendet. Nun konnten Antrieb und RC-Komponenten in dem geräumigen Rumpf verstaut werden. Als Antrieb wurde ein „Axi 2814-16“ an einem 4s-LiPo 2.200 mAh mit einer 9x6“-Klappluftschraube von Graupner verwendet. Als Steller kam ein „YGE-30“ von Heino Jung zum Einsatz. Mit diesem Setup sollte das Modell nahezu senkrecht steigen können, aber dennoch leicht genug sein um gute Segelflugeigenschaften zu haben. Soweit Marcel Petrasch über den Ausbau der Elektroflug-Version. Udo Fiebig hat sich dem Segler angenommen: Eigentlich stehen für mich als passioniertem Segelflieger Nurflügel nicht unbedingt auf der „Haben muss“-Liste. Nachdem an meinen Haushängen auf der Alb aber regelmäßig EPP-Nurflügel geflogen werden, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Es sollte aber nicht nur so ein Schaumteil sein, sondern schon etwas größer und in herkömmlicher Bauweise. Davon war mit Sicherheit mehr Flugleistung zu erwar-ten, Thermikkurbeln inklusive. Der „Solo“ kam mir da gerade recht: Schnelles und langsames Fliegen im Hang- und Thermikflug wurden in Aussicht gestellt. Als Profil wählte Aeronaut ein modifiziertes „MH-32“. Beim Auspacken fiel mir auf, dass der Rumpf relativ weich und – gegen das Licht gehalten – ziemlich dünnwandig war. Auf der Waage waren es auch nur 110 Gramm, bei den 555 Millimetern Länge meinem Empfinden nach schon federleicht. Wäre hier eine weitere Lage Gewebe vielleicht besser gewesen? Die Fertigstellung der Segler-Version war dann eigentlich eine Sache von nur rund acht Stunden. Ist man nach Bauanleitung und Bauskizzen vorgegangen, kann man wirklich nichts falsch machen. Da mir die Endleiste der Tragfläche mit ihren vier Millimetern Stärke nicht ganz geheuer vorkam, habe ich vor dem Bebügeln unseren Nurflügel-Experten am Haushang konsultiert: Er fand zunächst die Schränkung von zehn Millimetern beim verwendeten Profil durchaus akzeptabel. Die Dicke der Endleiste ließ ihn zwar die Stirn runzeln, aber er empfahl mir trotzdem, das so zu belassen. Auf keinen Fall sollte man die Endkante abrunden, sondern eine saubere Abrisskante bevorzugen. So habe ich es dann auch gemacht und – um es vorwegzunehmen – nichts Negatives im Flug feststellen können. In meinem Folienvorrat fanden sich noch genügend verschiedenfarbige Folien, sodass Ober- und Unterseite sowie die Winglets recht bunt gestaltet werden konnten. Wer ist nicht froh, wenn auch bei trübem Wetter die Fluglage eines Modells immer genau zu erkennen ist. In die Tragflächen wurden noch bei mir vorhandene Servos „C-341“ von Graupner eingebaut. Im Rumpfboot habe ich auf einem Sperrholzbrettchen einen für nur zwei Servos etwas üppigen Empfänger „C-19“ sowie einen vierzelligen Akku „GP-2000“ mit Klettband angebracht. Zur Erreichung des Schwerpunkts bei 195 Millimetern (vor der Endkante) waren noch rund 200 Gramm Blei in der Rumpfspitze erforderlich. Die Programmierung im Sender war dann nur noch eine Minutensache: Über einen Drei-Stufen-Schalter können nun die Flugphasen „Start“, „Normal“ und „Speed“ gewählt werden. Die Elektroversion von Marcel Petrasch kam als Erstes in die Luft: Mit dem in der Anleitung vorgeschriebenem Schwerpunkt und den Ruderausschlägen ging es an den Hang zum Erstflug. Der Start war dank des potenten Antriebs sehr einfach. Mit Halbgas und einem leichten Wurf begab sich das Modell in sein Element. Bei Vollgas stieg es im 80-Grad-Winkel. Nach ein paar Trimmschritten flog das Modell dann auch neutral geradeaus. Motor aus und mit angeklapptem Propeller ging es dann in den Segelflug über. Am Hang konnte sich der Flieger auch bei mittlerem Wind schon sehr gut halten. Auch bei späteren Flügen in der Ebene machte der „E-Solo“ durch das für seine Größe geringe Gewicht eine gute Figur. Das dem Nurflügel eigene Flugbild in dieser Modellgröße ist schön und abwechs- lungsreich anzuschauen. Der „E-Solo“ ist einfach ein alltagstaugliches Elektro-Segelflugmodell für den Hang oder die Thermik. Wer beim Bau etwas Zeit investiert, bekommt hier ein schönes Modell mit guten Flugeigenschaften. Mit dem richtigen Antrieb ist man schnell auf Höhe und kann langen Segelflugspaß genießen. Bei Udo Fiebig verliefen die Erprobungsflüge der Segelflugversion nicht ganz so problemlos: Ziemlich windig war es am Erstflugtag, ein Absaufen am Hang demnach nicht zu erwarten. Klappen auf die programmierte Startstellung und raus in den Wind. Ich musste gleich noch ein paar Zacken mehr Höhe trimmen, dann flog der „Solo“ sauber über die Kante. Höhe tanken und dann mal auf die Normal-Flugphase schalten, also Ruder im Strak. Das Modell schoss förmlich nach unten. Also ganz schnell wieder auf die Startstellung. Der Schwerpunkt bedurfte noch einer späteren Korrektur! Aber erst einmal wurde hoch getrimmt und weitergeflogen. Der „Solo“ ließ sich am Hang wirklich flott fliegen. Er ging sauber durch einen sehr großen und auch durch einen recht kleinen Looping, flog schön auf dem Rücken und auch langsame und schnelle Rollen bereiteten kein Problem. Nach der ersten Landung habe ich spontan circa 30 Gramm Blei entnommen. Unglaublich, das Modell ging in der Normal-Phase immer noch steil nach unten. War der Schwerpunkt tatsächlich so verkehrt? Noch etwa eine Stunde konnte ich mit dem „Solo“ ausgiebig am Hang turnen, alles in „Start“-Stellung. Dann bei einem Vorbeiflug an der Hangkante plötzlich „voll tief“ und mein „Solo“ schlug hart im Hang ein! Das Resultat: Das Rumpfboot zertrümmert, die Flächen im Bereich der Verschraubung aufgerissen und bei beiden Servos die Getriebe hinüber. Da ich wenige Tage danach in die Alpen fahren wollte, habe ich sofort bei Aeronaut einen neuen Rumpf bestellt und beim Besuch in Reutlingen auch gleich die Schwachstelle der Tragflächen im Bereich der Verschraubung live präsentiert:

    


Der „Solo“ mit seinen 180 Zentimetern Spannweite ist ein handliches Alltagsmodell mit herrlichen Flugleistungen.


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Die Seglerversion wurde überwiegend am Hang geflogen.


Der GFK-Rumpf der Elektroversion hat bereits die Nase abgeschnitten. Die rohbaufertigen Balsaholzteile sind perfekt in Luftpolsterfolie verpackt.



Die Tragfläche ist in Rippenbauweise gebaut und bereits verschliffen.

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Der Axi-Motor hat sich als perfekte Antriebslösung herausgestellt.

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Der Elektro-„Solo“ ist ein alltagstaugliches Elektro-Segelflugmodell mit kräftigen Flugleistungen.


Mehr ist nicht drin im Rumpf der Seglerversion.

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Udo Fiebig: „Es ist ein Genussmodell am Hang auch bei sehr schwachen Bedingungen, das aber bei Starkwind so richtig Temperament entfalten kann.“

Die Schrauben gehen nur durch relativ weiches Balsaholz und führen bei Landungen und besonders bei starker Verzögerung zum Weiten oder Aufreißen der Bohrung. Aeronaut will nun für eine Änderung des Aufbaus sorgen. Für die Qualität der Flächen spricht, dass außer der beschriebenen Beschädigung im Verschrau-bungsbereich und abgerissenen Buchendübeln in der Steckung der Nasenleiste trotz heftigem Aufprall nichts zu Bruch ging. Dann ging's mit dem reparierten Modell und neuem Rumpf zum Gerlitzen-Treffen. Nach den ersten Gewöhnungsflügen kam am zweiten Tag auch der „Solo“ mit an den Hang. Ein leichter Südwestwind und schon vor der Mittagszeit offensichtlich gute Thermik. Nach Erreichen der Sicherheitshöhe wieder ein Versuch mit der „Normal“-Flugphase. Das Modell ging zwar immer noch nach unten, aber zunächst wollte ich den „Solo“ genießen und eine Weile herumturnen. Nach etwa zehn Minuten kurbelte ich einen schönen Bart über der Skipiste aus, wollte dann aus dem Kreis ausleiten und landen. Doch der „Solo“ reagierte einfach nicht. Ein Blick auf das Display und ich erschrak: ein Fehlerhinweis und die Abschaltung der HF-Abstrahlung. Flink schaltetet ich den Sender aus und wieder ein. Immer noch dieselbe Anzeige und kein HF. Mittlerweile hatte der „Solo“ ziemlich Höhe verloren, ging in einen Spiralsturz über und schlug am Hang ein. Der Sender gehörte in den Service – so viel war klar! Das Modell trifft keine Schuld. Meinen „Solo“ habe ich dann in heimischer Werkstatt wieder einmal in einen flugfähigen Zustand versetzt. Den Schwerpunkt habe ich auf 170 mm von der Endkante eingestellt, immerhin 25 mm weiter hinten als in der Anleitung beschrieben. Anschließend gab es dann am Hang auf der schwäbischen Alb endlich auch langsames, genussvolles Thermikkurbeln. Das Flugverhalten kann ich mit den von Aeronaut vorgeschlagenen Ruderausschlägen und dem von mir erflo- genem Schwerpunkt jetzt wirklich als gutmmütig bezeichnen. Es ist ein Genussmodell am Hang auch bei sehr schwachen Bedingungen, das aber bei Starkwind so richtig Temperament entfalten kann.

Udo Fiebig Marcel Petrasch



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