Auf der Suche nach einem Schlafplatz im Umland von Barcelona sind wir auf einem Hügel am Nordrand der Stadt gestrandet. Die Aussicht am nächsten Morgen ist berauschend und zu unserem Entzücken gibt es auch schon Aufwind. Es dauert nicht lange und die ersten Modellflieger trudeln ein. Wir sind am Haushang Barcelonas gelandet – kein schlechter Start für unsere dreimonatige Spanienreise.

Der Großteil Spaniens ist nicht gerade des Hangfliegers Paradies. Weite Flächen des Landes sind steinig und mit Dornenbüschen übersät. An der spanischen Mittelmeerküste, von der Costa Brava bis zur Costa del Sol gibt es dazu kaum Steilküste. Dennoch fanden wir – das sind meine Frau Jutta, unser eineinhalbjähriger Pauli und ich – ein paar recht interessante Flecken zum Fliegen und letztlich auch noch die langersehnte Steilküste.

Die Kollegen aus Barcelona freuten sich über den Besuch aus der Ferne, der zudem mit – für spanische Verhältnisse – doch eher exotischen Voll-GFK Modellen feinster tschechischer Machart bestückt war. Rafael Salvador, der Präsident des Vereins, und einziger in der Runde, mit dem wir englisch sprechen konnten, erzählte uns von der langen Tradition seines Clubs, den Bewerben, die jedes Jahr stattfinden und den käuflichen Modellen, die fast ausschließlich aus Frankreich kommen.

Weiter ging es ins Landesinnere, in die La Mancha, Heimat des Don Quichote und der Windmühlen. Die Riesen, gegen die Quichote vergeblich ankämpfte sind mittlerweile größtenteils vom Zahn der Zeit lahmgelegt. Für den Hangflieger sind sie ein untrügliches Zeichen für einen windigen Ort, meistens auf einer Hügelkette über dem Flachland erbaut. Die schönsten Mühlen stehen bei Consuegra, 150 km südlich von Madrid. Das flache Vorland sorgt für einen unverwirbelten, starken Aufwind. Die japanischen Touristen, die in klimatisierten Reisebussen angekarrt werden, halten den Flieger für eine Attraktion des lokalen Fremdenverkehrsortes und fotografieren fleißig.

Nach diesem Erlebnis der besonderen Art steuern wir La Muela an, wo jedes Jahr im April ein Eurotour F3F Bewerb stattfindet: Der Haushang der Madrilenen, etwa 80 km östlich der 4,5 Millionen Metropole ist ein steil aufragender Tafelberg, auf dem sich neben Modellfliegern auch Drachenflieger, Paragleiter und Lenkdrachen den Luftraum streitig machen. Frischt der Wind auf, bleibt der Berg jedoch wieder den Modellfliegern vorbehalten.Man pumpt den Flieger voll mit Blei und ab geht die Post. Falsche Windrichtung gibt es in La Muela nicht, der Berg ist von allen Seiten befliegbar, die Landewiese so groß und eben, dass auch Sportflugzeuge darauf niedergehen könnten.


Die Windmühlen von Consuegra im Zentrum der La Mancha. Auf dem langgezogenen Rücken des Hügels bei Consuegra wurden elf Mühlen für verschiedene Windrichtungen gebaut, die meisten davon für Westwind

Der Tafelberg La Muela ist Zentrum aller Fliegerei rings um Madrid. Am Abend aber verlagert sich das Treiben langsam in die Bar von Alarilla!

Die Bar im Dörfchen Alarilla, am Fuße des Berges ist tapeziert mit großformatigen Paraglide Postern, und eine der gemütlichsten, die wir in ganz Spanien kennengelernt haben. Hier werden etwaige Luftraumstreitigkeiten beim Tischfußball fortgesetzt und schließlich bei ein paar Flaschen Vino tinto wieder begraben. La Muela ist ein Ort zum Wiederkommen, vielleicht mal während des F3F-Events im Frühjahr.

Eine spektakuläre Startstelle fanden wir in Cuenca, 200 km östlich von Madrid. Die Stadt steht auf einem Felsrücken inmitten zweier Schluchten. Die Häuser sind dabei so nah an den Abgrund gebaut, dass man von den „hanging houses“ spricht. Von den Balkonen spuckt man direkt in den 150 Meter tiefer gelegenen Rio Jucar. Die von der Morgensonne erfassten Felsen sorgen für einen zarten Aufwind, in dem es sich gut fliegen lässt, solange man nah genug an der Kante bleibt. Wenige Meter weiter draußen säuft es. Jede Kurve in den Abwind beschert einen Adrenalinausstoß – zum Landen muss der Flieger nämlich gefangen werden, soll er nicht den Bach runter schwimmen.

Nicht schlecht staunten wir, als die spanische Atlantikküste vor uns lag. Im Gegensatz zum kargen Landesinneren und dem Süden gibt es hier, am Fuße der bis zu 2600 Meter hohen Picos de Europa, Regenwald, saftige Wiesen und eine Steilküste à-là Dänemark oder Irland. Das beste Fluggebiet finden wir 5 km westlich des Fischerdörfchens Lanes, die Bucht von Torimbia. Die Küste bildet einen riesigen Kessel, der ein Fliegen bei West- bis Ostwind ermöglicht. Das Lee der Westseite fällt dabei steil ab und bildet ein ideales Terrain für Dynamic Soaring.

Modelle hatte ich diesmal zwei im Gepäck, den 1,5 m spannenden und nur 500 g schweren „Ocelot“ für die Einsätze abseits der Piste und einen „Rio“ mit 2 m Spannweite, den ich bis 1,8 kg ballastieren kann. So hatte ich nicht nur eine Reserve für einen Totalausfall sondern auch Material für verschiedenste Einsätze. Und wieder einmal hat sich die Devise bestätigt: kein Urlaub ohne Flieger an Bord.
Gerald Zauner
Fotos: Jutta Zauner


Abendsoaring über Barcelona


Der Ort heißt Cuenca („die Klippen von Cuenca“) und liegt
an einem perfekten Hang – leider ohne Landewiese!


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